Archiv für den Monat Juni 2014

Auch im Mittelalter braucht frau: Schuhe!

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Nein, hier kommt jetzt kein klassisches Auswalzen von „Frauen lieben Schuhe“-Rollenklischees.
Ganz im Gegenteil: ich hasse Schuhekaufen. Ehrlich. Ich habe Schuhgröße 42 und ziemlich marode Knie. Mal eben ein paar ßüße Trittchen shoppen war also noch nie so wirklich meins.
Aber: Irgendwas anne Füße braucht’s ja trotzdem. Und das gilt nicht nur für moderne Zeiten sondern auch für die Mittelalterdarstellung!
Das Fernziel ist auch hier: Selbermachen. Aber da braucht es doch einiges an Übung und Equipment und so habe ich mich für meine erste Annäherung an eine Gewandung für gekaufte Schuhe entschieden.
Schuhe kaufen. Ich. Nach Fundlage. Möglichst auhentisch. Und natürlich online, denn man kann ja nicht mal eben zu Deichmann dackeln und fragen, ob sie noch ein paar wendegenähte Riemenschuhe passend fürs ausgehende Hochmittelalter da hätten. In 42 bitte!

Also habe ich die einschlägigen Shops im Netz durchforstet und schwer schlucken müssen. Wenn es etwas wirklich authentisches sein soll, was von Hand nach alten Techniken wedegenäht* wurde, dann landet man preislich locker -sehr locker flockig- im dreistelligen Bereich.
Das ist für ein aufwändiges Stück Handarbeit ganz sicher nicht zu viel, wohl aber für ein Stück Ausrüstung für ein Hobby, das ich erst seit kurzer Zeit betreibe. Ganz nebenbei wäre das so etwa das mindestens Dreifache von dem gewesen, was ich für private Schuhe ausgebe.
Also habe ich mich auf die Suche nach einer Alternative gemacht. Die Modelle von www.historische-Schuhe.de sollen original wendegenähten Schuhen wohl zumindest optisch recht nahe kommen und ein Modell, dass mich interessiert hätte, war auch gerade reduziert, aaaaber: erstens mit knapp 80€ immer noch vergleichsweise teuer und außerdem sowieso nicht in meiner Größe vorrätig.

Also noch eine Stufe nach unten auf der „A-Leiter“: Schuhe von www.reenactors-shop.de . Die sind nicht wendegenäht sondern durchgenagelt und teilweise zusätzlich geleimt, aber sie entsprechen zumindest von Material, Farbe und Schnitt so uuungefähr einem Schuh des beginnenden 14. Jhd. Außerdem befinden sie sich mit knapp 50€ in einem Preissegment, das ich für ein neues Hobby noch vertreten kann.

Bei diesem Teil habe ich also beim A-Faktor**sehr deutliche Abstriche gemacht. Dafür passen die Schuhe wie angegossen, sind sehr bequem und sogar ziemlich schick für ein 800 Jahre altes Modell 😉
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Wenn ich bei diesem Hobby bleibe -und danach sieht es aus- dann werde ich mir bestimmt irgendwann mal richtig gute maßgemachte Schuhe leisten, oder sogar selber welche herstellen. Aber für’s erste reichen mir die Möchtegern-Schlappen auf jeden Fall 🙂

 

*wendegenäht heißt, dass die Schuhe wie ein Kleidungsstück rechts auf rechts zusammengenäht und dann umgestülpt werden, so dass die Naht innen liegt.
**das „A“ steht für „Authentizität“. Oft versucht und nie ganz erreicht, aber das hehre Endziel einer ernsthaften Living-History-Darstellung

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Mittelalter-Cotte; ein Zwischenstand

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Mittlerweile hat sich einiges getan! Mein Oberkleid (auch Cotte oder Cotta genannt) aus der herrlichen birkendunkelgrünen Wolle von www.naturtuche.de geht ihrer Vollendung entgegen!
Damit ist dann nach dem Unterkleid der zweite wichtige Teil meiner Gewandung vorhanden.

Stoff: Wollköper (Gleichgratköper), chemisch gefärbt aber in einem sehr naturgetreuem Farbton der bei Färbung mit Birkenblättern und Eisenoxid erreicht werden kann. Gekauft bei www.naturtuche.de

Nähgarn: Kettfäden des Wollstoffes, die ich aus Verschnittstücken gezogen habe.

Schnitt:
-gerade Vorder- und Rückbahn,
-seitliche Gehren, jeweils in knapp Bahnbreite aus zwei Dreiecken zusammengesetzt, eingesetzt ab Achsel/Ärmelloch
– Schlüssellochausschnitt (relativ hochgeschlossen)
– Schlupfärmel, nach unten verjüngend, kein Verschluss

Techniken: komplett von Hand genäht (mit moderner Nähnadel und Stecknadeln); Heftstich und Überwendlingstich zum Versäubern

Fotooooos! Ich habe den Versuch aufgegeben, den Farbton des Stoffes richtig einfangen oder per Bildbearbeitung rausbringen zu wollen. Je nach Licht sieht er immer wieder ein bisschen anders aus.

Es geht los: der erste Schnitt! (tiiieef durchatmen…)

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erstmal zusammenstecken und gucken, ob alles einigermaßen passt!
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Weil die Stecknadeln aber gerne raus fallen und ich eine festere Verbindung brauchte, insbesondere um Schnitt und Sitz der Ärmel zu bestimmen, habe ich alle Teile mit einem weißen Leinenfaden grob  zusammengeheftet

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Dann geht es ans eigentliche Nähen. Als Faden habe ich Kettfäden benutzt, die ich aus Verschnittstücken gezogen habe. Auf der linken Seite ist die Webkante zu erkennen. Kettfäden sind dann die Fäden, die parallel zu dieser Kante verlaufen. Sie sind meist reißfester als die Schussfäden. Da man mit zu langen Fäden nicht vernünftig arbeiten kann (der Faden verknotet leicht und reißt auch schneller, weil er öfter durch den Stoff gezogen und damit belastet wird), habe ich jeweils meine Nähfäden aus einem etwa 30cm langen Stück gezogen. Damit komme ich gut zurecht.
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Ab und zu muss man die entstehenden losen Schussfäden kürzen, es ist sonst sehr mühselig, den Kettfaden herauszuziehen.
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Die einzelnen Teile des Kleides werden zunächst im Vorstich rechts auf rechts zusammengenäht. Die weißen Heftfäden habe ich drin gelassen, das ersparte mir erstens die Verwendung von Stecknadeln und gab mir eine Orientierung für den Nahtverlauf. Auf dem Bild unten habe ich mal versucht zu zeigen, wie groß die Abstände zwischen den Stichen sind. An der fertigen Naht sieht man das nachher kaum noch, weil der Faden sich so in den Stoff einpasst. Tatsächlich kann man einiges an Zeit sparen, wenn man fünf oder sechs Stiche gleichzeitig auf die Nadel nimmt. Die Stecknadel dient zum Größenvergleich.
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Die Nahtzugaben werden dann rechts und links der Naht zweimal umgefaltet und mit dem Überwendlingstich versäubert. Ich nehme dazu nur einen oder zwei Fäden aus dem Stoff auf und nur ein paar mehr Fäden aus der Nahtzugabe.
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Zur Orientierung: Wir sind auf der linken (inneren) Seite des Kleides. Unter meinem Fingernagel geht die Vorstichnaht lang, nach rechts ist die Nahtzugabe zweimal umgefaltet und wird jetzt mit Stecknadeln fixiert und dann angenäht.
Auf dieser wunderbaren Grafik wäre das Abbildung 14 (Quelle: www.familia-ministerialis.de )

So sieht die Naht dann fertig aus (von der linken -inneren- Seite):
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Die Säume am Ausschnitt und an den Ärmelöffnungen habe ich ebenfalls zweimal nach innen umgeschlagen (aber schmaler) und mit dem Überwendlingstich versäubert.
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(gemerkt? In der Zwischenzeit sind meine Gel-Nägel verschwunden! Zurück zu Natur pur 😉 )

Alles zusammengenäht und zum Großteil versäubert, jetzt fehlten noch die Ärmel.
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Ich will ja Schlupfärmel einsetzten, die nur auf der hinteren Hälfte mit dem oberen Teil des KLeides vernäht sind, vorne aber nicht. Dadurch kann man aus den Ärmeln schlüpfen und sie hinten in den Gürtel stekcen. Dann sind sie bei schmutzigen oder nassen Arbeiten aus dem Weg und an heißen Tagen kann frau sich etwas Abkühlung verschaffen.
So sieht das dann aus:
(Das ist immer noch ein Zwischenschritt. Die Ärmelausschnitte sind noch nicht komplett versäubert und der Gürtel ist ein modernes Modell, das nur für den Moment Form verleihen soll.)
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Zwischendurch habe ich auch einen Fürspan erstanden, der den Schlüssellochauschnitt am Hals verschließt:
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So weit, so Oberkleid.Wegen eines Gürtels bin ich mit einem Menschen in Kontakt, der selbst in der Mittelalterszene unterwegs ist, und mir im Tausch gegen anderes Selbstgemachtes einen einfachen gürtel für meine Darstellung fertigen wird! Außerdem sind mein meine Schuhe angekommen, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal hier erzählt werden 😉