Das Herzstück der Gewandung: die Cotte

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Wer in letzter Zeit meine Blogartikel verfolgt hat, an dem wird nicht vorbei gegangen sein, dass ich zur Zeit an einer mittelalterlichen Gewandung bastele, die in möglichst großen Teilen selbstgemacht sein soll.

Für eine ernsthafte Mittelalterdarstellung sind immer drei Eckpfeiler ausschlaggebend: das WANN? das WO? und das WER?
Wobei das „Wer“ hier keine komplette erdachte Vita einer fiktiven Figur meint, sondern hauptsächlich einen Stand und vielleicht noch einen Beruf o.ä. festlegen soll.

In meinem Fall heißt das:

WANN? Um das Jahr 1300
WO? In Berlin-Cölln
WER? Die Gattin eines einigermaßen wohlhabenden Handwerkers

Über mein Untergewand , die Strümpfe und Schuhe so wie über diverse Kopfbedeckungen habe ich hier schon berichtet.
Nun kommen wir zum Herzstück: dem Obergewand, auch Cotte oder Cotta genannt.

Meine Cotte ist ein einfaches Alltagskleid, das sehr schlicht geschnitten und vor allem praktisch ist. Hintergrundüberlegungen dazu waren die folgenden:

Material: Wer nicht gerade so wohlhabend war, dass er sich ein seidenes Gewand leisten konnte, dessen Oberkleidung war aus mehr oder weniger feinem Wollstoff. Während man in Funden des Frühmittelalters noch öfter kompliziertere Webarten wie Fischgrat- oder Diamantköper findet, zeigen spätere Funde eher schlichte Gleichgratköper. Eine Vermutung dazu ist, dass die Weiterentwicklung der Webstühle ein höheres Tempo beim Weben der Stoffe erlaubte, was aber zu Lasten der komplizierteren Bindungen ging. Meine Alltagscotte ist aus „feiner birkendunkelgrüner Wolle“ von www.naturtuche.de und ich habe hier schon etwas über dieses Tuch geschrieben.
Nähfaden warren aus Reststücken gezogene Kettfäden.

Schnitt: Im ausgehenden Hoch- und beginnenden Spätmittelalter waren die Kleider noch recht locker geschnitten. Zwar kommen langsam auch Cotten auf, die am Oberkörper und den Ärmeln enger geschnitten und zum Teil auch geknöpft sind, aber für ein Arbeitskleid habe ich mich für den typischen Hochmittelalterschnitt entschieden: gerade Bahnen vorne und hinten, seitliche Gehren jeweils in Bahnbreite. Das ganze durch einen Gürtel gerafft.
schlupfaermel2 von karin weisspfennig de

Auf dem Bild sieht man sehr gut die locker geschnittenen Cotten der arbeitenden Frauen, die mit einem Gürtel gerafft wurden. (Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 18r)

Die Halsausschnitte sind auf den zeitgenössischen Abbildungen sehr halsnah. Um trotzdem bequem rein und raus zu kommen, habe ich einen Schlüssellochausschnitt eingearbeitet. Also einen kleinen Schlitz, der mit einem Fürspan verschlossen wird.
Hier sieht man einen solchen Ausschnitt.

(Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 19r)

Rocklänge: Die Frau eines Handwerkers hat im Haus und in der Werkstatt eine Menge Arbeit, die auch anstrengend staubig und schmutzig ist. Das Kleid für den Allteag ist daher eher nicht überbodenlang, sondern hat eine Länge mit der sie auf ebenem Boden noch gehen kann, ohne den Rock anheben zu müssen, wenn sie beispielsweise die Hände voll hat. Auf dem Bild weiter oben kann man sehen, dass die Kleider der Frauen etwas über den Gürtel gerafft sind und so nur etwa bis zum Knöchel reichen. Die Dame rechts im Bild trägr ein deutlich längeres Gewand, das eventuell auch ein Surcot (Also ein Überkleid über der eigentlichen Cotte) sein könnte. Meine Cotte reicht mir aufrecht stehend und ohne über den Gürtel geschoppt zu sein nicht ganz bis auf den Boden.

Schlupfärmel: Die Ärmel dürfen bei der Arbeit nicht im Wege sein. Ich habe mich für so genannte Schlupfärmel entschieden. Die Ärmel werden in das Kleid eingesetzt, aber nur etwa von der obersten Stelle der Schulter und hinten bis unter die Achsel angenäht. Dadurch kann man aus den Ärmeln schlüpfen und sie entweder hinter dem Rücken verknoten oder in den Gürtel stecken. Das hat zwei große Vorteile: Wenn es sehr warm ist, kann frau sich so Kühlung verschaffen und die Kleiderärmel sind aus dem Weg, wenn man nasse oder schmutzige Arbeiten zu verrichten hat. Das Leinene Untergewand lässt sich viel leichter reinigen und trocknen auch schneller als der Wollstoff der Cotte.
Auf dem Bilde unten sieht man einmal eine Cotte mit angezogenen Schlupfärmeln. Unter dem vorderen Arm kann man das weiße Unterkleid durch den Ärmelschlitz durchscheinen sehen
schlupfaermeloben von karin weisspfennig de
(Quelle: Maciejowski-Bibel Fol. 4r)

Die Wöchnerin und die Magd/Hebamme auf dem linken Bild tragen beide Kleider mit Schlupfärmeln, die sie ausgezogen und nach hinten gelegt haben. Auf dem rechten Bild sind die Ärmel auf dem Rücken verknotet.
schlupfaermel_06 von tempora nostra  schlupfaermel_07 von tempera nostra
(Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 19v und 41v)
Die gesamte Cotte habe ich mit der Hand genäht. Alle Nähte sind im Vorstich genäht, dann die Nahtzugaben zu beiden Seiten doppelt umgeschlagen und mit dem Überwendlingstich versäubert.

Der Schnitt ist, wie oben beschrieben, sehr simpel: Vorder- und Rückenteil sind jeweils eine rechteckige Bahn. Als Maß galt hier: Breite so, dass es über die Brust passt, Länge von der Oberseite der Schulter bis reichlich zum Boden (Um noch einen „Puffer“ zum Abrunden zu haben.)

Die Gehren sind aus zwei Teilen zusammengesetzt und jeweils so breit wie eine Bahn. Sie werden direkt unter der Achsel eingesetzt.


Einzelteile mit Heftfaden grob zusammengenäht.

Hier eine Nahaufnahme vom Schlüssellochausschnitt einmal ohne, einmal mit Fürspan zum Verschließen.

Die Ärmel sind oben weit genug, dass ich noch aus ihnen herausschlüpfen kann, wenn sie am Kleid befestigt sind (das musste ich ein paar mal ausprobieren.) und werden dann nach vorne enger
Ärmel vor dem Einsetzen. mit weißem Heftfaden habe ich die Form mehrmals nachgebessert.

die Säume am Hals, an den Ärmeln und am Saum sind schmal doppelt gelegt und mit feineren Überwendlingstichen genäht.


Naht versäubert mit Überwendlingstich

 

Das sieht ja schon mal ganz gut aus…

Dan noch ein paar Stunden nähen…und nähen…und noch mehr nähen…
(Ehrlich: dieses Kleid war verhext! Jedes mal, wenn ich jubeln wollte „Letzte Naht!“ tauchte irgendwo ein noch nicht versäuberter Meter auf!)
Aber irgendwann (genauer gesagt: nach 54 Stunden und 16 Minuten – ich habe es gestoppt!) war es dann vollbracht!

Und hier die fertige Cotte inklusive Gürtel, Kopfputz und allem drum und dran! 🙂

 

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