Pimp my Hemd! Projekt Maschinennähte ausmerzen

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Ein Freund bat mich, eins seiner Leinenhemden unzuarbeiten.
Das gute Stück stammt noch aus seinen Anfangszeiten als Reenactor, was sicherlich auch erklärt, warum er zugelassen hatte, dass das herrliche alte Bauernleinen mit der Nähmaschine bearbeitet wurde.

Sakrileg!

Also sollen diese Nähte jetzt aufgetrennt und von Hand wieder vernäht werden.

Auch einige “Designelemente“ sind nicht wirklich mittelalterlich und so knöpfe ich mir das gute Stück jetzt nach und nach vor.

Die Ausgangslage:

Das Material ist relativ grobes Bauernleinen mit schmaler Webbreite.
Genäht wurde mit braunem Nähgarn und die meisten Nähte sind mit hellgrauem Garn mit der Overlock versäubert.

   
Die Näherin hat an vielen Stellen versucht, die Webkanten zu nutzen, was gut ist. Denn da Handnähte mehr Material fressen als overlockversäuberte Maschinennähte bin ich froh um jeden Zentimeter, den ich nicht umnähen muss. Nicht, dass das Hemd nachher noch hauteng sitzt 😉
Der Schnitt ist -evtl auch wegen der Ausnutzung der Webkanten- etwas ungewöhnlich:


– gerade Vorder- und Rückenbahn mit Schulternaht
– keine Gehren
– dafür Schlitze sowohl vorne und hinten als auch an den Seiten.
– die seitlichen Schlitze sind nicht genau mittig sondern etwas nach hinten versetzt
– an den stark beanspruchten Stellen oben an den Reitschlitzen und unten am Halsschlitz hat mein Gruppenkollege selbst lederne Dreiecke als Verstärkung angenäht. Die werde ich wohl lassen.


– Das Hemd hat eine Art „Stehkragen“, den der Besitzer nachträglich mit einem kammgewebten Leinenband verstärkt hat

– Ärmel ganz leicht nach unten verjüngt, keine Ärmelkeile. in Webbreite gefertig. Nach moderner Art mit der Naht auf der Unterseite eingesetzt

Der Plan:

Die Ärmel werde ich auslösen, die Naht auftrennen, von Hand neu schließen und die Ärmel wieder einsetzen. Ansonsten werde ich das Hemd aber in einem Stück lassen und eine Naht nach der anderen auftrennen und neu zunähen.

Statt wie bei meinen bisherigen mittelalterlichen Nähereien die Nahtzugaben zu beiden Seiten umzuklappen und mit Überwendlingstichen zu versäubern haben ich mich für die materialsparendere und viel haltbarere halbe Kappnaht entschieden. Diese ist durchaus durch Funde belegt und für dieses Projekt viel sinnvoller.
Wenn die zu versäubernde Kante eine Webkante ist, muss ich sie nur einmal umschlagen, was wiederum Material spart.

Halbe Kappnaht: Längere und kürzere Nahtzugabe zu einer Seite umschlagen, Längere Nahtzugabe unter die kürzere schlagen.

Halbe Kappnaht versäubert mit Überwendlingstichen

Nahtzugabe mit Webkante ohne weiteren Umschlag über kürzere Nahtzugabe geklappt und mit Überwendlingstichen angenäht

Die Lederdreiecke werde ich drinlassen. Die sind schon ein paarmal mitgewaschen worden und sind eine enge Bindung zu diesem Kleidungsstück eingegangen 😉
Allerdings erlaube ich mir, die Ärmel zu drehen. Wenn ich schon den „A-Faktor“ des Hemdes heben soll, dann setze ich auch die Naht -hochmittelalterlich korrekt- nach hinten!

Erste Erfolge:

Der erste Ärmel ist neu vernäht und schon wieder mit der Naht nach hinten in das Hemd eingefügt. Dabei habe ich festgestellt, dass die Näherin auch noch Abnäher (gabs im Hochmittelalter noch nicht – und schon gar nicht an einem Unterhemd) angebracht hat. Diese habe ich aufgetrennt. Sie machten dort eh nicht so ganz viel Sinn 😉

Ärmel mit Maschinennaht
 
Ärmel nach der Änderung mit Handnaht

Bin mal gespannt, wie das am Ende aussieht. Ich werde weiter berichten!

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