Archiv für den Monat August 2015

Schrödingers Unterbuxe: Frauenbruche

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Wenn man und insbesondere frau nach Belegen für ein neues Gewandungsteil sucht, wird dabei außer Bodenfunden zum großen Teil auf Abbildungen zurück gegriffen.
Man staunt, welche Details man auf zeitgenössischen Buchmalereien finden kann.
Allerdings gibt es eine deutliche Lücke:
Kein Mensch weiß, ob oder was Damen unter dem Kleid trugen.
Im streng moralischen Hochmittelalter kann frau schon von Glück reden, wenn sie unter dem hochgerafften Rocksaum einer Feldarbeiterin den Ansatz von Strümpfen erkennen kann, oder die Schlupfärmel eines Kleides klar machen, dass darunter ein weißes Unterkleid getragen wurde.
Auf diese Unterbekleidungsteile hat man sich in der Szene weitgehend geeinigt: leinenes Unterkleid und genaalte oder genähte Strümpfe. Für das Spätmittelalter gibt es sogar einen Fund von einer Art BH, der auf Schloß Lengberg in Österreich entdeckt wurde.
Was aber nirgendwo Erwähnung oder gar Abbildung findet, ist eine irgendwie geartete Art Unterhose.
Die verbreitetste Meinung ist, dass Frauen gar keine trugen. Das ist in einem gewissen Rahmen vorstellbar und spätestens, wenn man mal versucht hat, Unterkleid, Kleid, lange Cappa und modernen Schlüpfer in einer Dixi-Kabine zu jonglieren, kann man dem auch gewiss Vorzüge abgewinnen. 😉
Spätestens aber, wenn es zur Frage der Monatshygiene kommt, dürfte klar sein, dass auch Frauen im Mittelalter irgendeine Art Unterwäsche geetragen haben werden.
Genau so klar erscheint aber auch, dass kein Buchmaler diese ‚Unaussprechlichen‘ verewigt und kein Chronist darüber geschrieben hat.

Also hatten Frauen im Hochmittelalter wohl Unterhosen…und sie hatten keine…Höre ich Sie da kichern, Herr Schrödinger?

In den meisten Fällen hat dieses Problem auf meine Reenactment-Darstellung keine Auswirkung. Ich trage unter der Gewandung moderne Unterwäsche und werde das auch nicht ändern.
Allerdings stellt sich mir ein ganz anderes Problem:
Chub Rub, Wolf, …kurz gesagt: schmerzhafte Scheuerstellen da, wo die nackten Oberschenkel aneinander reiben. Das Problem habe ich im Sommer auch unter modernen Röcken und das Internet bietet von dünnen Hosen zum drunter ziehen über Gleitmittel und Puder eine Menge Lösungen dafür.

Auf einer Veranstaltung hatte eine Bekannte eine viel coolere Idee: Sie wollte sich nach dem Vorbild der im Hochmittelalter üblichen Männer-Unterhosen eine Bruche schneidern.

Die Idee fand ich fantastisch und habe mich gleich daran gemacht.
Es gibt in der Hauptsache zwei Varianten davon, wie diese Bruchen geschnitten sind.
Ich habe mich für den so genannten Thursfield-Schnitt entschieden.
Der ist unglaublich simpel. Die Bruche besteht im Grunde aus einem langen Stofftunnel, dessen eine lange Seite bis auf eine Öffnung in der Mitte zugenäht wird.
Eingesetzte Keile geben etwas mehr Weite und in die Öffnung wird ein Tunnelzug eingearbeitet.

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Meine Maße waren: 1,00m x 1,10m. Dazu zwei Dreiecke mit etwa 25cm Kantenlänge.
Im Nachgang denke ich, ich hätte etwas großzügiger sein können. Ich musste eine Art Hosenschlitz einarbeiten, damit ich problemlos rein komme…
Als Gürtel/Band habe ein eine geflochtene Kordel aus pflanzengefärbtem Wollgarn genommen, die gerne etwas kürzer hätte ausfallen können.
Angezogen und geschnürt sieht das ganze dann so aus:
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Als ein letzter Schritt wird noch der Bund ein paar mal über den Gürtel gekrempelt. Dann sitzt alles etwas straffer und der böse Wolf hat keine Chance 🙂
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Hot as Hell oder etwa nicht? 😉

Ich war etwas besorgt, ob der dick gekrempelte Bund nicht aufträgt, aber unter Unterkleid und Cotte sieht man das gar nicht durch.

Ich habe dieses Jahr nur noch eine Veranstaltung, auf der sie sich in der Praxis bewähren kann, aber ich sehe der nächsten Sommersaison gelassen entgegen 🙂

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Fertiggestellt: Pimp my Leinenhemd

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Der erste Teil dieses Projekts ist hier zu finden.
Ein Freund hatte mich gebeten, mich einer „Jugendsünde“ aus seiner Anfangszeit als Reenactor zu widmen:
Ein Leinenhemd, dass von einer Näherin sehr fachkundig aber überhaupt nicht authentisch mit der Nähmaschine genäht wurde.
Ich habe die Maschinennähte Stück für Stück in Handnähte verwandelt und dabei gleich einige Designelemente ausgemerzt, die mal so gar nicht mittelalterlich waren. 🙂

Das Gesamtbild Vorher- Nachher:

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Der Kragen:
Vorher ein Stehkragen mit Haken und Öse, der mit einem kammgewebten Band verstärkt wurde. Der Ausschnitt ging sehr weit hinunter.
Hinterher ein einfacher runder Ausschnitt mit kurzem Schlitz.

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Den overlockversäuberten Saum habe ich kurzerhand abgeschnitten, anstatt mich mit der Auftrennerei aufzuhalten und dann den Saum doppelt umgenäht.

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Weil ich den Brustschlitz ohnehin weiter geschlossen habe, habe ich die Lederdreiecke entfernt. Ich bin gespannt, ob sich die Verfärbung noch rausbleicht.

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Und so wird aus einem Gromi-Alptraum ein Leinenhemd, dass sich auch auf ernstzunehmenden Veranstaltungen sehen lassen kann. 🙂