So rum wird ein Schuh draus! Erste Versuche in der Schusterei

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Man sagt ja, „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, also: Mensch, bleib bei dem, was du kannst.
Das fand ich irgendwie noch nie überzeugend und so habe ich mich im Rahmen meiner Mittelalterdarstellung mal dem ganz wörtlichen Leisten zugewandt und mich in der Herstellung von Schuhen versucht.

First attempt on shoe-making!
In Germany we have a proverb that -roughly- translates to „Shoemaker, you should stick to your lasts.“ Menaing: stick with what you’ve learned and what you now.
I never found that a good advice because I love trying out new things and learning new skills.
So I took the part about the shoe-making literally and tryed myself on making shoes for my medieval garb!

Im 13. Jahrhundert wurden Schuhe wendegenäht. Das heißt, Sohle und Oberleder wurden -wie ein Kleidungesstück- auf links vernäht und dann umgekrempelt.
Daher stammt übrigens auch der Ausspruch „Andersrum wird ein Schuh draus.“ 🙂

Shoes in 13th century were so called turnshoes: sole and vamp (I googled a lot of shoemaking-realted vocabulary for this post! 😉 ) were sewn together inside out like a piece of clothing and then turned.

Bisher habe ich im Hobby Schuhe an, die mit viel gutem Willen wie wendegenäht aussehen, aber das soll nur eine Übergangslösung sein.
Wendegenähte Schuhe sind heute ein Stück selten gewordener Handarbeitskunst und entsprechend teuer.
Dass Handarbeit kostet und das auch durchaus darf, soll hier gar nicht zur Debatte stehen, aber mir drängte sich natürlich wie immer die Frage auf:
„Kann ich das nicht auch selbst machen?“

My current shoes for the reenactment hobby are only a temporary solution. The look like turnshoes (if you dont’s look toooo closely) but they are machine-made and actually the soles are nailed to the shoe.
When I started the hobby, I hesitated spending a lot of money on real turnshoes. They are a fine piece of craftsmanship and thus quite expensive.
Now that I am sure that I won’t give up the whole thing after one or two seasons, I wanted to replace this workaround for some really good shoes.
And as always the question popped in my head: „Couldn’t I make this myself?“

Ich habe noch nie mit Leder gearbeitet und wusste nur, dass das so einige Tücken birgt und schon viele an der Schuhherstellung verzweifelt waren.
Meine Recherche ergab aber, dass einer der bekanntesten Schuhmacher in der Mittelalterszene – Stefan von der Heide, bekannt als ‚Meister Knieriem‘– neben hochwertigen Schuhen auch Bausätze anbietet, die es auch Ungeübten ermöglichen sollen, mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung ihre eigenen wendegenähten Schuhe herzustellen.
I never worked with leather and only new from others that it can be tricky to work with and that others have had hard times, trying to make turnshoes.
Researching for patterns, tutorials or the like, I found that one of the best known experts for shoe making in the German reenactment-scene -Stefan von der Heide, known as „Meister Knieriem“– not only sells high-quality period shoes but also offers a DIY-Kit with a step-by-step-tutorial to enable even beginners to make there own turnshoes.

Ich entschied mich für das Modell „Halbhoher Schuh C1“ nach einem Fund aus Konstanz und für helles Ziegenleder als Material.
I decided for the model „Halbhoher Schuh C1“. A replica from a find in the city of Konstanz. Material would be light goat’s leather.

Der Bausatz beinhaltet neben den vorgeschnittenen Lederstücken und den Leisten (Rudimentär- oder Maßleisten) sämtliches benötigtes Material und Werkzeug, eine ausführliche schriftliche Anleitung und eine Anleitungs-DVD.
Man benötigt zusätzlich nur einen Hammer, eine Zange, einen oder zwei Gürtel und ein sehr scharfes (Teppich-)messer.
The kit contains of the pre-cut leather, the lasts (simple ones or bespoke, I got bespoke ones), all the needed material and tools, a thorough written how-to and a DVD with the complete tutorial.
All you need except from that is a hammer, some pliers, one or two belts and a very sharp (carpet) knive.

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Ein Teil des Bausatzes: Maßleisten, Ahle, Schusterpech, Handschutz, Lederteile und Öl

Nachdem ich mir also die Anleitungs-DVD mehrmals angeschaut hatte, um die Arbeitsschritte zu verinnerlichen, ging es ans Werk!
I watched the DVD a few times to memorize the general steps and got to work!

Der erste Schritt besteht darin, die Fersenverstärkung auf das Oberleder aufzunähen. Die Naht die dabei verwendet wird, nennt sich „Applikennaht“ und die Herausforderung besteht darin, nicht durch die ganze Stärke des Leders hindurchzustechen. Die Naht ist auf der Außenseite nicht sichtbar!
First step is sewing a reinforcement to the heel. The challange is, to „tunnel“ into the vamp leather and not to poke through it completely. The seam should be invisible from the outside!

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Die Applikennaht an der Fersenverstärkung. Erste Schritte mit Ahle, Borste und Draht.

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Fersenverstärkung von innen

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Fersenverstärkung von außen. Nicht ein mal durchgepiekst! 🙂

Das ging schon mal ganz gut, aber es ist schwierig, wenn man noch kein Gefühl für das Material hat. Ich habe ständig das Leder umgedreht, um zu überprüfen, ob ich wirklich nicht mit der Ahle durchgepiekt habe.
That went alright, but I found it difficult to get a feeling for the material. I kept turning over the leather to check if I -really- did not opke through the leather with the awl.

Beim Einnähen des Schafteinsatzes (das kleine dreieckige Teil) bekam ich das erste mal Probleme.
Ich richtete mich nach der DVD, die sehr schön anschaulich jeden Arbeitsschritt erklärte. Man sollte beide Kanten aneinanderlegen und mittels einer Stoßnaht verbinden.
Klang logisch, sah im Video einfach aus, aber dann musste ich feststellen, dass die Kanten ausgeschärft, also abgeflacht waren. ich habe tatsächlich erst mal  zwei äußerst tapfere Versuche gewagt, in dieser dünnen Kante eine Stoßnaht anzubringen, bevor ich es entnervt aufgab und noch einmal die schriftliche Anleitung zu Rate zog.
Und siehe da: versteckt in zwei Seiten Fließtext der kleine Satz
„Entgegen der Darstellung im Film verwenden wir aber eine Stürznaht.“
Ahaaa!
Das ging dann doch recht Problemlos und noch eine Stürznaht später war der Schaft schon mal fertig.
The next step didn’t turn out to be as easy. I was told to sew in a little triangular piece of leather with a certain kind of seam wich was utterly impossible because the leather was to thin. I really tried to follow the instructions an the DVD and nearly gave up when I finally decided to take a look into the written instructions. There it said, hidden in the text: „Different from what is shown in the DVD, we will use another kind of seam here“
Ha!
Knowing this, I finally made it through this part and after another seam the upper part of the shoe was done!

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Stürznaht am Schafteinsatz

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Der Schaft ist geschafft!

Die nächste Herausforderung ließ aber nicht auf sich warten.
Das „Zwicken“, also das Befestigen des Oberleders auf der Sohle mittels Nägeln, ist in Film und Text hervorragend und sehr ausführlich erklärt. Außerdem sind auf der Sohle Markierungen angebracht, wo genau und in welcher Reihenfolge die Nägel zu setzen sind. Da kann man wirklich nicht mehr viel falsch machen.
Allerdings wird im Film kein Randstreifen zwischen Sohle und Schaft eingearbeitet. Der Bausatz sieht aber einen solchen Streifen vor.
Hier fand ich als Anfängerin (die außerdem keinen fertigen Schuh als Vorbild zur Hand hatte) die schriftliche Erklärung unzureichend.
Erst digitale Hilferufe in einschlägigen Foren und Facebookgruppen brachten die Erleuchtung:
– der Streifen wird so angebracht, dass er über Leisten und Sohle übersteht.
– Der Streifen wird angenagelt. Dann wird der Schaft aufgezwickt. Dabei werden die Nägel des Randstreifens nach und nach herausgezogen und Oberleder und Streifen zusammen auf der Sohle festgenagelt

This is where I nearly lost it:
The next step was, to nail the vamp onto the sole. It was very well described both on the DVD and in the written instructions. Additionally, the sole has little marks to show you where to place each nail.
But the kind of shoe I chose comes with an aditional strip of leather, to be sewn between sole and vamp. The shoe in the DVD didn’t have such a strip and I couldn’t find out how to place it between sole and vamp. The written instructions explained it but I just couldn’t figure out how it was meant to be done.
I cried for help in several online-forums and facebook-groups and finally got it:
– you attach the strip in a manner that it overlapps the sole.
– then you nail the vamp on it, removing and replacing the nails as you go.

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So wird der Randstreifen auf der Sohle befestigt: bündig mit der blauen Linie und nach außen überstehend!

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Randstreifen fertig aufgezwickt

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Schaft ist gezwickt, jetzt wird genäht.

Ich kann nur bestätigen, was im Video als wichtigster Grundsatz eingeführt wird: „Was dem Schmied das Feuer, ist dem Schuhmacher das Wasser“. Das Nähen geht wirklich viel einfacher von Statten, wenn man den Nahtbereich immer gründlich nass hält.
Was ich schwierig fand war, das richtige Gefühl für die Stichtiefe zu finden. Ich war mir mehrmals ganz sicher, die Ahle aus Versehen durch die Sohle gestochen zu haben. Da die aber auf dem Leisten montiert ist, konnte ich das nicht überprüfen. Letztlich stellte sich heraus, dass ich nicht durchgestoßen war, aber für Anfänger empfiehlt sich, an Leder verschiedener Stärke zu üben, um ein Gefühl für die Zähigkeit des Materials zu bekommen.
The first thing you learn from the DVD is „What fire is for the smith, water is for the schoemaker.“
I can only agree to this. Sewing multiple layers of leather is so much easyer if you keep it nice and wet.
To attach the sole to the shoe xou have to „tunnel“ again with the awl. You don’t want to poke through the sole completely. As in the very first step I found it difficult to get this right. It takes a lot of practice, i guess, to feel if you poked deep enough so the stich won’t tear but not so deep that you poke through the material.

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Die Ferse ist das schwierigste

Was mich beim Bodenbau -also den Einnähen der Sohle- die meisten Nerven gekostet hat waren die „Borsten“, also die dünnen Stahlnadeln, mit denen der „Draht“ -also der gepechte Faden- durch den Stichkanal gezogen wird.
Im Bereich der Ferse sticht man durch in die Sohle ein, aus der Sohle aus und durch Randstreifen, Fersenverstärkung und Oberleder. Das sind quasi fünf Schichten Leder und damit ein langer gekrümmter Stichkanal, dessen Schichten sich schnell gegeneinander verschieben können.
Es ist mir mehr als einmal passiert, dass die weichen dünnen Borsten den Weg nicht auf Anhieb gefunden haben, gegen Widerstand stießen, sich verbogen haben, …manchmal habe ich mehrere Minuten gebraucht, nur um den Draht durch den Stich zu friemeln.
Das ist mit Sicherheit zu mindestens 80% der Tatsache geschuldet, dass ich absolut blutige Anfängerin bin. Für die restlichen 20% hätte ich mir aber etwas stabilere Borsten gewünscht. (Meister Knieriem scheint in dem Video auch andere zu benutzen.) Mein Tipp wäre also: evevtuell zusätzlich zum Bausatz noch in festere Stahlborsten investieren.
Außerdem ist meine Hand zu schmal für den Leder-Handschutz, ich musste da öfter mal nachjustieren 😉

The most nerv-wrecking part in the whole process of making these shoes was the „bristles“, the long, thin and flexible steel-needles used to thread the waxed therad through the hole you made with the awl.
At the heel you have to stich through 5(!) layers of leather in a J-shaped ‚tunnel‘. It happend oh so often that the bristle didn’t find it’s way throug all the layers, missed the hole, got bend in the process,…sometimes it would take me a few minutes to fumble the thread through a single stitch.
I am absolutely sure  that this is a good 80% because a am an absolute beginner. But for the remaining 20% I would have wished for some stronger bristles. (Meister Knieriem seems to use something different in the video). So if you are getting one of these kits: invest in some high-quality needles. I broke 3 of the four included ones!
The kit also comes with a hand-protector which is apparently meant for bigger man hands. Mine are to small and I had trouble adjusting it correctly.

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Der letzte Stich ist getan!

Aber schließlich war es vollbracht: alle Teile vernäht, die Sohle drin, alle Finger noch dran und keine zusätzlichen Löcher in der Hand!
Das Wenden des Schuhs ging dann erstaunlich einfach.
Ich hatte damit gerechnet, eine Viertelstunde lang langsam und vorsichtig mit dem Hammerstiel in der Schuhspitze herumzubohren, aber der gründlich eingeweichte Schuh ließ sich -noch tropfend über dem Waschbecken- mit wenigen Handgriffen auf rechts ziehen.
Das lag bestimmt auch an der Machart dieses bestimmten Modells und dem verhältnismäßig dünnen Ziegenleder.
But eventually it was done! Everything sewd together, sole attached, still had 10 fingers and no holes poked in my hands.
Turning the shoe was surprisingly easy. I had expected 15 minutes of fumbling and getting the tip to pop out right, but after thoroughly watering the whole shoe it took only a minute to turn the -stilldripping wet- shoe inside out.
That might be because of thes particular shape and the quite thin goat’s leather.

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Fertig! Jetzt Leisten raus und wenden.

Und fertig ist mein erster Schuh!
Er ist gelungen, passt und sieht großartig aus!
Ein bisschen groß scheint er. Aber so passt man wenigstens mit Wollstrümpfen und vielleicht einer Einlegesohle rein. Man steht nämlich doch ganz schön auf der Sohlennaht. 😉
There it is! My first shoe!
It turned out very good, fits and looks great!
It seems to be a bit large but I will put in an additional sole anyway because stinading on the seam of the sole is somewhat uncomfortable.

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Der fertige Schuh!

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Fertiger Schuh von unten. Die Löcher in der Sohle sind vom Zwicken

Ich jedenfalls bin stolz wie Oskar und werde, sobald die Lohnarbeit mir Zeit lässt, den zweiten in Angriff nehmen 🙂
I’m awfully proud of this and when I have the time, I will as soon as possible make the second one!

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  1. Hi,
    mach die Sohle nochmal nass, schieb die Leiste rein und klopf die Löcher zu 🙂 Macht das ganze ein wenig dichter.

    Freut mich, dass dein Wendevorgang so easy war. Ich bin an meinen Schuhen beinahe verzweifelt…

  2. Pingback: Erfahrungsbericht: Andersrum wird ein Schuh draus

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