Mittelalter

Gerda unterwegs – Turnier in Jaroměř, Tschechien

Picture by Jan Štábl

Diesen September war ich zum zweiten Mal Gast beim jährlichen Turnier der Living History Gruppe „Hradecký dvůr Alžběty Richenzy“, die den Hofstaat von Königin Elisabeth Richza von Polen und Böhmen darstellen. Letztes Jahr war es uns möglich als ganze Gruppe anzureisen und ein eigenes Lager aufzubauen.
Leider lagen dieses Jahr so viele Termine über Kreuz, dass ich schon fürchtete, alleine fahren zu müssen.

Zum Glück fand ich aber in meiner lieben Freundin Katharina von Suderburg eine wunderbare Reisegefährtin, die mir dann auch noch den Schlafplatz retten sollte…
Geschmeidige 500km von zu Hause musste ich nämlich beim Aufbau feststellen, dass ich den falschen Zeltsack erwischt hatte und mit dem Mast für ein Kegelzelt und der Zelthaut für ein Saxtent angereist war!
Das war…mal was neues. Ich glaube, jede*r im Reenactment Hobby hat irgendeine Geschichte über vergessene Schuhe, Kleider, Gürtel, aber gänzlich ohne Zelt dazustehen hat schon seine ganz eigene Qualität.
Katharina fackelte aber nicht lange und gewährte mir Obdach in ihrem Zelt, so dass ich nicht unter dem Böhmischen Sternenhimmel nächtigen musste!

This September for the second time I was invited to the annual tournament of the Living History group „Hradecký dvůr Alžběty Richenzy“ who display the court of Queen Elizabeth Richza of Poland and Bohemia. Last year we participated as a group and build our own camp.
Unfortunately this year there were so many colliding dates and events that I was afraid I would have to go all by myself.

But luckily I found a wonderful travel companion in my dear friend Katharina von Suderburg who in addition safed me from spending two nights under the stars.
How so? Well, when building camp a smooth 500km away from home I realised that I had packed the pole for the conical tent but the canvas of the sax-tent…
I guess, every reenactor has one or two stories to tell about forgetting to pack important parts of the kit, but packing to mismatching halfes of a tent? That was a first!
Good Samaritan Katharina did not hesitate to give me asylum in her own tent and thus safed my weekend!

Überhaupt war diese Reise von Gastfreundschaft geprägt. Da Katharina und ich alleine, ohne Bedienstete oder Küche anreisten, waren wir als Gäste am Tisch von Hark und Bonemina alias Don Iñigo Díaz de Haro und Doña Elvira Estevez de Lara eingeladen.
Bonemina ist berühmt für ihre Küche und Katharina und ich wurden auf das köstlichste bewirtet.
Auf dem Rückweg durften wir dann bei Miroslav z Libiše und seiner Frau Adéla („Adelhaid“)Station machen, ihre bezaubernden Kinder kennenlernen und nach einem gemütlichen Abend unter Freunden und einer Nacht im Warmen am Montagmorgen frisch und ausgeruht die Heimreise antreten.

In general we recieved so much hospitality during this trip! Since Katharina and I travelled alone and without any servants, we were invited as guests at the table of Hark and Bonemina alias Don Iñigo Díaz de Haro und Doña Elvira Estevez de Lara.
Bonemina is famous for her kitchen and we were served the most delicious treats.
On our way home our friends Miroslav and Adelhaid z Libiše invited us to stay with them, meet theyr adorable children and after an evening with good friends and a good night sleep we coud start our journey home well rested and one and a half hours closer to our detinations.

Dame Gerda und Dona Elvira, picure by Katerina Triss


Wer von meinen Leser*innen eher in der deutschen Reenectment oder Living Hsitory Szene zu Hause ist, wird sich schon über die Formulierung gewundert haben.
„Ohne Bedienstete angereist“?
Das Konzept der Veranstaltungen von Hradecky dvur unterscheidet sich von der Ausrichtung von Living History events, wie auch ich sie bisher gewohnt war.
Das Event ist gänzlich intern. Bis auf einige zufällig vorbeigelaufene Wanderer gibt es kein Publikum.
Der Fokus liegt daher weniger auf der Wissensvermittlung als eher in der Immersion in eine Zeit, eine Situation, eine Szene. Die Darstellenden verkörpern eine -meist fiktive oder halb fiktive- historische Figur mit Namen, Wappen, Hintergrundgeschichte und über Jahre gewachsenen persönlichen und politischen Verflechtungen innerhalb des Hofes.
Innerhalb der Gruppen werden die Rollen im Vorfeld klar geklärt, jede*r hat Aufgaben entsprechend der jeweiligen Rolle und wenn eine Dame in einem Jahr keine Lust mehr hat, 5 Stunden in brütender Sonne auf der Damentribüne zu sitzen, brav den Kämpfern zu applaudieren und ansonsten möglichst gut auzusehen, kann sie sich entscheiden, dieses Jahr als Küchenmagd mitzufahren, oder als Zofe einer anderen Dame.

If you are reading this and you are used to the German style of Living History, you were maybe already wondering about me saying „Katharina and I arrived alone and without any servants“. Servants?
That might need some words of explaining: the concept of Hradeck dvur events is different from the style of living history that I was used to so far.
The event is entirely private. Besides some random passersby, there were no visitors. Therefore the focus is not on educational efforts but more on immersion into a time, a situation, a scene. The participants usually embody a -usally fictional or half ficitonal- historical character complete with name, crest, backstory and personal and political intertwinings within the court that grow and develop over years and decades.
The individual groups negotiate the rolls and tasks everyone is taking for the event.
And if one lady decides, that this year she does not feel like sitting on the tribune for 5 hours in the scorching sun, applaud the fighters and don’t do mcuh but look good while sweating, she can totaly choose to join the event as a kitchen maid this year. Or as onother lady’s ladiesmaid.

Für mich war es eine ganz neue Erfahrung, meine Adelsklamotte nicht nur für eine halbe Stunde bei einer Modenschau zu tragen, sondern über mehrere Tage wirklich darin zu leben und -zumindest ansatzsweise- in die Rolle einer adligen Dame zu schlüpfen. Als solche sieht es nicht nur völlig daneben aus, wenn ich auf dem Weg zum Picknick mit ihrer Majestät die Picknickdecke und den Weinbecher selber schleppe, es ist auch schlicht fast nicht möglich, gleichzeitig die überlangen Gewänder zu raffen, nirgends drauf zu treten und noch etwas sinnvolles mit den Händen zu tun.
Zwar haben wir von allen Seiten so viel Hilfe und Unterstützung bekommen, doch ich würde es liebend gerne ausprobieren, im nächsten Jahr mit einer größeren Gruppe anzureisen, die alle wichtigen Rollen selbst abdecken kann.

For me it was an interesting new experience to wear my noble lady’s kit not only for a half hour during a fashion show, but living in it for a whole weekend and at least begin to silp into the role of a medieval noble woman. And as such it not only does not look right for me to schlepp my own blanket and cup to the picnic with her Majesty. It is downright impossible to do so while holding all these overlength clothes and trying not to step on my seams or trip over my garments.
We received so much help and support from all sides but I would really love to try and put together a bigger group for next year where everybody could fill another role and work as a team.

Die geladenen Damen beider Mußestunde mit der Königin. Foto von Jan Štábl

Am Nachmittag zieht sich die Königin mit ihren Damen zu einer Mußestunde zurück, es werden Blumenkränze gewunden und Stickereien gefertigt, Bedienstete reichen Süßigkeiten und Getränke und Musikanten begleiten die Szene mit leisen Klängen. Hinter der Königin hat eine bewaffnete Wache Posten bezogen.
Dieses Jahr wurden außerdem Minnegedichte für die anwesenden Damen vorgetragen.
Man kann sich unsere Überraschung vorstellen, als Katharina und ich hörten, dass die nächsten Lieder uns gelten sollten!
Wissend, dass dieses Jahr zwei Damen aus Deutschland anwesend sein würden, hatte Herr Hradmar von Sonnberg zwei Gedichte eigens für uns geschrieben und ins Englische übersetzen lassen!
Wir fuhlten uns sehr geehrt!
Mit seiner Erlaubnis, möchte ich es auch hier nicht vorenthalten:

In the afternoon the Queen and her ladies retreat to an hour of laisure time. Flower wreaths and delicate needlework are made, sweets and beverages are served and musiciants accompany the scene with soft melodies. Behind the queen, an armed man stands guard.
This year there were also courtly love poems, minnelong, cited for the noble women. Can you imagine our surprise when Katharina and I heard, that the next songs would be dedicated to us! Knowing that there would be two ladies from Germany this year, Lord Hradmar von Sonnberg wrote two poems for us and had them translated into english so that we could enjoy them. We felt very honoured! With his permission, I would like to quote the poem here:

Gerda von Ivrea

How is a man supposed to live
when such a pain troubles my heart
If only would you, I please you, give me but a single, sweetest smile

How is a man supposed to live
there is no remedy, verily, I am ill and only you can give me the cure
without it I am done for and killed.

How is a man supposed to live
when no sun shines upon my lands if only a moment,
shortest glance of your presence would you give.

How is a man supposed to live
when but for a few days a year
the warmth of your soul, my dearest, dear can change my pain to heavenly bliss.

(Text by Rostislav Hasi (Hradmar von Sonnberg) English translation by Vojtech Homolka)

Hradmar III von Sonnberg, Herold der roten Tribüne picture by Jan Štábl

Diese Damenrunde ist für mich das perfekte Beispiel dafür, wie das Turnier in Jaroměř ein durchgehendes Erlebnis ist. Jede*r bleibt in der jeweiligen Rolle. Es gibt kein Programm für Besucher im Stile von „11:00 Modenschau, 13:00 Schaukampf, 15:00 Stockbrot“, sondern man hat die Gelegenheit, höfisches Leben, Turnierkultur und die unterschiedlichen Lebenswelten in tausend Kleinigkeiten auszutesten und zum Leben zu erwecken.
Es gibt nebenbei auch Spielszenen, die tatsächlich und gänzlich LARP sind, also Rollenspiel. Da wird zum Beispiel ein Dieb beim Stehlen erwischt und bestraft oder ähnliches. Aber das ist gar nicht das prägende.
Was mich begeistert hat waren die vielen Details, die den Charme dieser Veranstaltung ausmachen:

This „Ladies‘ hour“ for me is the perfect example for how this tournament is an ongoing experience. Everyone stays in their respective roles. There is no schedule for visitors like „11am – fashio show, 12am, showfight, 3pm children’s program,…“ but you have the chance to really try out courtly life, tournament culture and different scenarios and bring them to life.
There are occasional scenes that are entirely LARP – meaning roleplay. But that is not the dominating style of the event. What truely amazed me was the many little details that make the charm of this event.


Das Turnier ist ein durchaus ernst gemeinter sportlicher Wettkampf für diejenigen, die sich mittelalterlichem Kampfsport widmen.
Da aber darauf Wert gelegt wird, dass ein Ritter nicht nur ein Haudrauf ist, sondern auch andere ritterliche Tugenden aufweist, werden die adligen Herren ihr bestes geben, die Damen zu unterhalten. Mit Ratespielen, kleinen Neckereien oder wie Herr von Sonnburg mit Minnegedichten.
Ein Kämpfer kam mit einem Augenzwinkern an die Damentrubüne herangetreten und ließ die Damen wissen, dass er sichergehen wollte, dass er unsere volle Aufmerksamkeit bei seinen Zweikämpfen habe und ließ uns daher nach versteckten Hinweisen auf ein Rätsel suchen, die er an seiner Kleidung versteckte.
Die Damen der Tribünen zeichnen nicht nur nach jeder Runde ihre Favoriten unter den Kämpfern mit einer Rose aus, sondern jede Dame kann einem Kämpfer auch ein Stück Schleier oder ein anderes Pfand ihrer Gunst an den Ärmel stecken und ihn für ihre Ehre kämpfen lassen.
Neben den Wettkämpfen des Turniers sieht man viele Darsteller Schach und historische Instrumente spielen oder Handarbeiten nachgehen.
Am Abend waren wir wie schon erwähnt Gäste an der Tafel von Don Iñigo und dort reichten seine Bediensteten uns Wasser aus einer Aquamanile zum Händewaschen, servierten kastillische Köstlichkeiten (die Sooooßen!) und füllten unsere gläsernen und silbernen Trinkgefäße.

The tournament is by all means a serious sports competition for those who study medieval martial arts.
But it is concidered important, that a knight is not only a sword wielding brute but also shows other courtly virtues. Therefore the noble men do their best to entertain the ladies that watch them from the tribunes.With riddles, games or with courtly poems like Lord Sonnberg.
One of the fighters for example came to the tribune and with a wink in his eye he let us know that he found a way to make shure he had the ladies‘ undivided attention during his fights. He made the ladies look for hidden hints to a riddle that he hid on his clothes.
The ladies on the tribune do not only honour their favourite fighters by handing them a rose. A lady can also pin a veil or a piece of cloth as a token of her favor to a chosen man’s sleeve and have him fight in her favor.
Alongside the fights one would often see people play chess or historical instruments or do crafts and needlework. In the evening we were invited to the table of Don Iñigo and the servants there let us wash our hands with an aquamanile and served kastilian delicacies (the saaaauuuuuces!!) and filled our glas and silver cups.

Zu Tisch bei der Kastillischen Delegation, picture by Katerina Triss

Ich mag es, auf die „Deutsche Art“, Besuchern unser Hobby näher zu bringen und Handwerk und Alltagsleben zu zeigen, zu demonstrieren und zu erklären.
Aber ich war auch sehr begeistert von dieser Gelegenheit, mich ein Wochenende lang in dieser über Jahre so detailreich gewachsenen Gruppe zu bewegen und mich bezaubern zu lassen!

Ich danke allen, die uns so herzlich Willkommen geheißen haben und uns ein wundervolles Wochenende bereitet. Wir kommen sehr gerne wieder!

Zum Schluss noch ein paar Eindrücke vom Turnier. Bilder von Jan Stabl und Katerina Triss.

I do like th „German Style“ events. Showing visitors clothin, crafts and everyday life and demonstrate and explain what we do, wear and eat.
But I was absolutely amazed by the opportunity to move within this group that has developed such an intricate and rich scene and be charmed and fascinated and full of impressions-

I want thank everybody who gave us such a warm welcome and made this weekend so special and wonderful.
I can’t wait to come back!

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