Archiv der Kategorie: Alles auf Anfang

So rum wird ein Schuh draus! Erste Versuche in der Schusterei

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Man sagt ja, „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, also: Mensch, bleib bei dem, was du kannst.
Das fand ich irgendwie noch nie überzeugend und so habe ich mich im Rahmen meiner Mittelalterdarstellung mal dem ganz wörtlichen Leisten zugewandt und mich in der Herstellung von Schuhen versucht.

First attempt on shoe-making!
In Germany we have a proverb that -roughly- translates to „Shoemaker, you should stick to your lasts.“ Menaing: stick with what you’ve learned and what you now.
I never found that a good advice because I love trying out new things and learning new skills.
So I took the part about the shoe-making literally and tryed myself on making shoes for my medieval garb!

Im 13. Jahrhundert wurden Schuhe wendegenäht. Das heißt, Sohle und Oberleder wurden -wie ein Kleidungesstück- auf links vernäht und dann umgekrempelt.
Daher stammt übrigens auch der Ausspruch „Andersrum wird ein Schuh draus.“ 🙂

Shoes in 13th century were so called turnshoes: sole and vamp (I googled a lot of shoemaking-realted vocabulary for this post! 😉 ) were sewn together inside out like a piece of clothing and then turned.

Bisher habe ich im Hobby Schuhe an, die mit viel gutem Willen wie wendegenäht aussehen, aber das soll nur eine Übergangslösung sein.
Wendegenähte Schuhe sind heute ein Stück selten gewordener Handarbeitskunst und entsprechend teuer.
Dass Handarbeit kostet und das auch durchaus darf, soll hier gar nicht zur Debatte stehen, aber mir drängte sich natürlich wie immer die Frage auf:
„Kann ich das nicht auch selbst machen?“

My current shoes for the reenactment hobby are only a temporary solution. The look like turnshoes (if you dont’s look toooo closely) but they are machine-made and actually the soles are nailed to the shoe.
When I started the hobby, I hesitated spending a lot of money on real turnshoes. They are a fine piece of craftsmanship and thus quite expensive.
Now that I am sure that I won’t give up the whole thing after one or two seasons, I wanted to replace this workaround for some really good shoes.
And as always the question popped in my head: „Couldn’t I make this myself?“

Ich habe noch nie mit Leder gearbeitet und wusste nur, dass das so einige Tücken birgt und schon viele an der Schuhherstellung verzweifelt waren.
Meine Recherche ergab aber, dass einer der bekanntesten Schuhmacher in der Mittelalterszene – Stefan von der Heide, bekannt als ‚Meister Knieriem‘– neben hochwertigen Schuhen auch Bausätze anbietet, die es auch Ungeübten ermöglichen sollen, mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung ihre eigenen wendegenähten Schuhe herzustellen.
I never worked with leather and only new from others that it can be tricky to work with and that others have had hard times, trying to make turnshoes.
Researching for patterns, tutorials or the like, I found that one of the best known experts for shoe making in the German reenactment-scene -Stefan von der Heide, known as „Meister Knieriem“– not only sells high-quality period shoes but also offers a DIY-Kit with a step-by-step-tutorial to enable even beginners to make there own turnshoes.

Ich entschied mich für das Modell „Halbhoher Schuh C1“ nach einem Fund aus Konstanz und für helles Ziegenleder als Material.
I decided for the model „Halbhoher Schuh C1“. A replica from a find in the city of Konstanz. Material would be light goat’s leather.

Der Bausatz beinhaltet neben den vorgeschnittenen Lederstücken und den Leisten (Rudimentär- oder Maßleisten) sämtliches benötigtes Material und Werkzeug, eine ausführliche schriftliche Anleitung und eine Anleitungs-DVD.
Man benötigt zusätzlich nur einen Hammer, eine Zange, einen oder zwei Gürtel und ein sehr scharfes (Teppich-)messer.
The kit contains of the pre-cut leather, the lasts (simple ones or bespoke, I got bespoke ones), all the needed material and tools, a thorough written how-to and a DVD with the complete tutorial.
All you need except from that is a hammer, some pliers, one or two belts and a very sharp (carpet) knive.

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Ein Teil des Bausatzes: Maßleisten, Ahle, Schusterpech, Handschutz, Lederteile und Öl

Nachdem ich mir also die Anleitungs-DVD mehrmals angeschaut hatte, um die Arbeitsschritte zu verinnerlichen, ging es ans Werk!
I watched the DVD a few times to memorize the general steps and got to work!

Der erste Schritt besteht darin, die Fersenverstärkung auf das Oberleder aufzunähen. Die Naht die dabei verwendet wird, nennt sich „Applikennaht“ und die Herausforderung besteht darin, nicht durch die ganze Stärke des Leders hindurchzustechen. Die Naht ist auf der Außenseite nicht sichtbar!
First step is sewing a reinforcement to the heel. The challange is, to „tunnel“ into the vamp leather and not to poke through it completely. The seam should be invisible from the outside!

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Die Applikennaht an der Fersenverstärkung. Erste Schritte mit Ahle, Borste und Draht.

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Fersenverstärkung von innen

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Fersenverstärkung von außen. Nicht ein mal durchgepiekst! 🙂

Das ging schon mal ganz gut, aber es ist schwierig, wenn man noch kein Gefühl für das Material hat. Ich habe ständig das Leder umgedreht, um zu überprüfen, ob ich wirklich nicht mit der Ahle durchgepiekt habe.
That went alright, but I found it difficult to get a feeling for the material. I kept turning over the leather to check if I -really- did not opke through the leather with the awl.

Beim Einnähen des Schafteinsatzes (das kleine dreieckige Teil) bekam ich das erste mal Probleme.
Ich richtete mich nach der DVD, die sehr schön anschaulich jeden Arbeitsschritt erklärte. Man sollte beide Kanten aneinanderlegen und mittels einer Stoßnaht verbinden.
Klang logisch, sah im Video einfach aus, aber dann musste ich feststellen, dass die Kanten ausgeschärft, also abgeflacht waren. ich habe tatsächlich erst mal  zwei äußerst tapfere Versuche gewagt, in dieser dünnen Kante eine Stoßnaht anzubringen, bevor ich es entnervt aufgab und noch einmal die schriftliche Anleitung zu Rate zog.
Und siehe da: versteckt in zwei Seiten Fließtext der kleine Satz
„Entgegen der Darstellung im Film verwenden wir aber eine Stürznaht.“
Ahaaa!
Das ging dann doch recht Problemlos und noch eine Stürznaht später war der Schaft schon mal fertig.
The next step didn’t turn out to be as easy. I was told to sew in a little triangular piece of leather with a certain kind of seam wich was utterly impossible because the leather was to thin. I really tried to follow the instructions an the DVD and nearly gave up when I finally decided to take a look into the written instructions. There it said, hidden in the text: „Different from what is shown in the DVD, we will use another kind of seam here“
Ha!
Knowing this, I finally made it through this part and after another seam the upper part of the shoe was done!

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Stürznaht am Schafteinsatz

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Der Schaft ist geschafft!

Die nächste Herausforderung ließ aber nicht auf sich warten.
Das „Zwicken“, also das Befestigen des Oberleders auf der Sohle mittels Nägeln, ist in Film und Text hervorragend und sehr ausführlich erklärt. Außerdem sind auf der Sohle Markierungen angebracht, wo genau und in welcher Reihenfolge die Nägel zu setzen sind. Da kann man wirklich nicht mehr viel falsch machen.
Allerdings wird im Film kein Randstreifen zwischen Sohle und Schaft eingearbeitet. Der Bausatz sieht aber einen solchen Streifen vor.
Hier fand ich als Anfängerin (die außerdem keinen fertigen Schuh als Vorbild zur Hand hatte) die schriftliche Erklärung unzureichend.
Erst digitale Hilferufe in einschlägigen Foren und Facebookgruppen brachten die Erleuchtung:
– der Streifen wird so angebracht, dass er über Leisten und Sohle übersteht.
– Der Streifen wird angenagelt. Dann wird der Schaft aufgezwickt. Dabei werden die Nägel des Randstreifens nach und nach herausgezogen und Oberleder und Streifen zusammen auf der Sohle festgenagelt

This is where I nearly lost it:
The next step was, to nail the vamp onto the sole. It was very well described both on the DVD and in the written instructions. Additionally, the sole has little marks to show you where to place each nail.
But the kind of shoe I chose comes with an aditional strip of leather, to be sewn between sole and vamp. The shoe in the DVD didn’t have such a strip and I couldn’t find out how to place it between sole and vamp. The written instructions explained it but I just couldn’t figure out how it was meant to be done.
I cried for help in several online-forums and facebook-groups and finally got it:
– you attach the strip in a manner that it overlapps the sole.
– then you nail the vamp on it, removing and replacing the nails as you go.

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So wird der Randstreifen auf der Sohle befestigt: bündig mit der blauen Linie und nach außen überstehend!

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Randstreifen fertig aufgezwickt

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Schaft ist gezwickt, jetzt wird genäht.

Ich kann nur bestätigen, was im Video als wichtigster Grundsatz eingeführt wird: „Was dem Schmied das Feuer, ist dem Schuhmacher das Wasser“. Das Nähen geht wirklich viel einfacher von Statten, wenn man den Nahtbereich immer gründlich nass hält.
Was ich schwierig fand war, das richtige Gefühl für die Stichtiefe zu finden. Ich war mir mehrmals ganz sicher, die Ahle aus Versehen durch die Sohle gestochen zu haben. Da die aber auf dem Leisten montiert ist, konnte ich das nicht überprüfen. Letztlich stellte sich heraus, dass ich nicht durchgestoßen war, aber für Anfänger empfiehlt sich, an Leder verschiedener Stärke zu üben, um ein Gefühl für die Zähigkeit des Materials zu bekommen.
The first thing you learn from the DVD is „What fire is for the smith, water is for the schoemaker.“
I can only agree to this. Sewing multiple layers of leather is so much easyer if you keep it nice and wet.
To attach the sole to the shoe xou have to „tunnel“ again with the awl. You don’t want to poke through the sole completely. As in the very first step I found it difficult to get this right. It takes a lot of practice, i guess, to feel if you poked deep enough so the stich won’t tear but not so deep that you poke through the material.

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Die Ferse ist das schwierigste

Was mich beim Bodenbau -also den Einnähen der Sohle- die meisten Nerven gekostet hat waren die „Borsten“, also die dünnen Stahlnadeln, mit denen der „Draht“ -also der gepechte Faden- durch den Stichkanal gezogen wird.
Im Bereich der Ferse sticht man durch in die Sohle ein, aus der Sohle aus und durch Randstreifen, Fersenverstärkung und Oberleder. Das sind quasi fünf Schichten Leder und damit ein langer gekrümmter Stichkanal, dessen Schichten sich schnell gegeneinander verschieben können.
Es ist mir mehr als einmal passiert, dass die weichen dünnen Borsten den Weg nicht auf Anhieb gefunden haben, gegen Widerstand stießen, sich verbogen haben, …manchmal habe ich mehrere Minuten gebraucht, nur um den Draht durch den Stich zu friemeln.
Das ist mit Sicherheit zu mindestens 80% der Tatsache geschuldet, dass ich absolut blutige Anfängerin bin. Für die restlichen 20% hätte ich mir aber etwas stabilere Borsten gewünscht. (Meister Knieriem scheint in dem Video auch andere zu benutzen.) Mein Tipp wäre also: evevtuell zusätzlich zum Bausatz noch in festere Stahlborsten investieren.
Außerdem ist meine Hand zu schmal für den Leder-Handschutz, ich musste da öfter mal nachjustieren 😉

The most nerv-wrecking part in the whole process of making these shoes was the „bristles“, the long, thin and flexible steel-needles used to thread the waxed therad through the hole you made with the awl.
At the heel you have to stich through 5(!) layers of leather in a J-shaped ‚tunnel‘. It happend oh so often that the bristle didn’t find it’s way throug all the layers, missed the hole, got bend in the process,…sometimes it would take me a few minutes to fumble the thread through a single stitch.
I am absolutely sure  that this is a good 80% because a am an absolute beginner. But for the remaining 20% I would have wished for some stronger bristles. (Meister Knieriem seems to use something different in the video). So if you are getting one of these kits: invest in some high-quality needles. I broke 3 of the four included ones!
The kit also comes with a hand-protector which is apparently meant for bigger man hands. Mine are to small and I had trouble adjusting it correctly.

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Der letzte Stich ist getan!

Aber schließlich war es vollbracht: alle Teile vernäht, die Sohle drin, alle Finger noch dran und keine zusätzlichen Löcher in der Hand!
Das Wenden des Schuhs ging dann erstaunlich einfach.
Ich hatte damit gerechnet, eine Viertelstunde lang langsam und vorsichtig mit dem Hammerstiel in der Schuhspitze herumzubohren, aber der gründlich eingeweichte Schuh ließ sich -noch tropfend über dem Waschbecken- mit wenigen Handgriffen auf rechts ziehen.
Das lag bestimmt auch an der Machart dieses bestimmten Modells und dem verhältnismäßig dünnen Ziegenleder.
But eventually it was done! Everything sewd together, sole attached, still had 10 fingers and no holes poked in my hands.
Turning the shoe was surprisingly easy. I had expected 15 minutes of fumbling and getting the tip to pop out right, but after thoroughly watering the whole shoe it took only a minute to turn the -stilldripping wet- shoe inside out.
That might be because of thes particular shape and the quite thin goat’s leather.

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Fertig! Jetzt Leisten raus und wenden.

Und fertig ist mein erster Schuh!
Er ist gelungen, passt und sieht großartig aus!
Ein bisschen groß scheint er. Aber so passt man wenigstens mit Wollstrümpfen und vielleicht einer Einlegesohle rein. Man steht nämlich doch ganz schön auf der Sohlennaht. 😉
There it is! My first shoe!
It turned out very good, fits and looks great!
It seems to be a bit large but I will put in an additional sole anyway because stinading on the seam of the sole is somewhat uncomfortable.

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Der fertige Schuh!

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Fertiger Schuh von unten. Die Löcher in der Sohle sind vom Zwicken

Ich jedenfalls bin stolz wie Oskar und werde, sobald die Lohnarbeit mir Zeit lässt, den zweiten in Angriff nehmen 🙂
I’m awfully proud of this and when I have the time, I will as soon as possible make the second one!

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Fertiggestellt: Pimp my Leinenhemd

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Der erste Teil dieses Projekts ist hier zu finden.
Ein Freund hatte mich gebeten, mich einer „Jugendsünde“ aus seiner Anfangszeit als Reenactor zu widmen:
Ein Leinenhemd, dass von einer Näherin sehr fachkundig aber überhaupt nicht authentisch mit der Nähmaschine genäht wurde.
Ich habe die Maschinennähte Stück für Stück in Handnähte verwandelt und dabei gleich einige Designelemente ausgemerzt, die mal so gar nicht mittelalterlich waren. 🙂

Das Gesamtbild Vorher- Nachher:

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Der Kragen:
Vorher ein Stehkragen mit Haken und Öse, der mit einem kammgewebten Band verstärkt wurde. Der Ausschnitt ging sehr weit hinunter.
Hinterher ein einfacher runder Ausschnitt mit kurzem Schlitz.

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Den overlockversäuberten Saum habe ich kurzerhand abgeschnitten, anstatt mich mit der Auftrennerei aufzuhalten und dann den Saum doppelt umgenäht.

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Weil ich den Brustschlitz ohnehin weiter geschlossen habe, habe ich die Lederdreiecke entfernt. Ich bin gespannt, ob sich die Verfärbung noch rausbleicht.

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Und so wird aus einem Gromi-Alptraum ein Leinenhemd, dass sich auch auf ernstzunehmenden Veranstaltungen sehen lassen kann. 🙂

Tour de Fleece 2015: Garn für eine Decke – Ausgangslage!

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Heute hat sie offiziell begonnen, die Tour de Fleece!
Ich habe ja mit meinem Projekt schon etwas vorgearbeitet und bin sogar viel besser vorangekommen als ich dachte!
Nach der Begutachtung meiner Sampler habe ich mich für das Weben für folgendes entschieden:

– 15 Enden pro 10 Zentimeter. Das heiß, beim 30/10er Kamm nur jedes zweite Loch und jeden zweiten Schlitz zu nutzen.
– Schuss wie Kette. Beides aus einfach verzwirntem reinen Corridale mit einer Lauflänge von uuuungefähr 100m/100g.
Das schon gesponnene Garn mit den eingesponnenen Bergschaflocken verwende ich für einen breiten Streifen jeweils am Anfang und am Ende
– ich werde mich nicht noch ins Doppelweben einfuchsen sondern zwei gleiche Decken weben und diese hinterher zu doppelter Breite zusammennähen.
Weil das Garn sehr dick und fluffig ist werde ich zwei getrennte Ketten aufziehen. 5 Meter Kette (inklusive Einsprung etc.) in der Materialstärke war mir einfach zu viel.

Die Entscheidung, 15/10 zu fädeln brachte es mit sich, dass ich nur die Hälfte an Kettfäden brauchte. Die Entscheidung, zwei getrennte Ketten aufzuziehen führte dazu, dass diese Kettfäden auch nur halb so lang sein mussten.

Effekt: ich hatte viel früher als gedacht genug Garn für die erste Kette gesponnen!

Also Fernseher an und 2-3 Voyager-Folgen lang Kette aufgezogen. Da ich simple Leinwandbindung und nur eine Farbe verwende, habe ich mich für das „Direct Warping“ entschieden.

Das ging relativ fix und schon konnte ich losweben!

Für den Anfang 8 Reihen mit dem reinen Corridale, dann 20 Reihen mit dem „Lockengarn“
Danach stumpf in Leinwandbindung mit dem Corridale-Garn weiter…


Die Harfe an ihrem üblichen „Parkplatz“ inklusive Blick auf meinen streckenweise fragwürdigen Büchergeschmack *räusper* 😉

Ich habe nicht gestoppt, wie lange ich tatsächlich dran gesessen habe, aber nach 3 Tagen Weben war die erste Hälfte schon fertig! O.O

Bierflasche dient dem Größenvergleich 😉

Die Maße direkt nach dem Abnehmen:
– genau 1,90m lang
67cm breit
– genau 600g schwer

Da das nur die eine Hälfte ist, habe ich die Decke noch nicht weiter behandelt, also weder gewaschen noch die Fransen getrimmt. Das mache ich erst, wenn beide Halften zusammengenäht sind, damit sie nicht z.Bsp. unterschiedlich einlaufen.

Jetzt geht es an die zweite Hälfte, ich hoffe, die ist genauso easy 🙂

Reenactment meets Tour de Fleece: Garn für eine Decke

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Auch dieses Jahr findet in den unendlichen Weiten des Internet (und auch außerhalb davon) die alljährliche Tour de Fleece statt.

Parallel zur Tour de France treten auch wir SpinnerInnen in verschiedenen Teams ins Rad und machen den einen oder anderen Kilometer gut. 🙂

Beginn ist dieses Jahr am 4.7. und das ganze läuft bis zum 26.7. Ziel ist es, möglichst jeden Tag zu spinnen und die Ergebnisse dann mit den anderen Gruppenmitgliedern zu teilen.
Ich starte auch dieses Jahr wieder für das Team „Berlin Spinnt“


Dieses Jahr passt das besonders gut, weil ich ein neues Großprojekt angefangen habe, dessen Vollendung ich mit dieser Intensivspinnzeit bestimmt ein gutes Stück näher kommen kann.

Das Projekt!

Für mein Mittelalter-Reenactment möchte ich für’s Schlaflager eine Decke weben. Und damit es nicht zu einfach wird, werde ich das Garn vorher selber spinnen. Der Plan ist, die Breite meiner 80cm Harfe voll auszunutzen und nachher zwei Webbreiten anneinander zu nähen.

Das Material!

Ich habe Kammzüge aus ungefärbtem silbergrauen Corridale bestellt.
Eine Traumfaser! Ganz glatt, weich, als Kammzug fast kühl im Griff und lässt sich traumhaft ausspinnen.
Ursprünglich war der Plan, die Kette aus zweifädig verzwirntem Corridale zu machen und für den Schuss Bergschaflocken in ein einfädiges Corridale-Garn einzuspinnen. Meine Vorstellung war, dass das besonders flauschig und durch das zusätzliche Volumen wärmeisolierender sein würde.
Der Probelappen zeigt mir aber, dass mir das optisch nicht gefällt. Sieht etwas zu sehr nach Flickenteppich aus.
Ich werde also wohl Kette und Schuss aus reinem Corridale machen. Vielleicht nutze ich das Fluffy-Garn, das ich bisher schon gesponnen habe, für einen Streifen am Rand oder so.

Das Werkzeug!

Ich werde zum größten Teil auf dem Rad spinnen. Dieses Projekt geht ja eher in Richtung Masse satt Klasse. Da kann mein Louet S10 mal seinem Ruf als Arbeitstier gerecht werden! (Irgendwer aus meiner Spinngruppe bezeichnete dieses Modell mal liebevoll als „Trecker“…)
Für unterwegs nehme ich auch meine hübsche neue Kopfspindel, getöpfert von Shermin vom Fiberspace mit und auf Mittelalterveranstaltungen die historisch korrekte Fußspindel, aber das Gros wird ins Rad getreten.

  

Gewebt wird dann nachher auf der Kromski-Harfe mit nem 30/10er-Blatt, dass ich aber wahrscheinlich nur auf 15/10 aufbäumen werde. (Also nur jeden zweiten Schlitz und jedes zweite Loch) sonst wird das keine Decke sondern ein Teppich 😉

Die Anfänge!

Die ersten paar Meter Garn sind gesponnen und ich habe auch schon zwei kleine Sampler gewebt, um mal mit Material und Dichte zu spielen.

Garn: Reines Corridale (zweifach verzwirnt) und Corridale (Dochtgarn) mit eingesponnenen Bergschaf-Locken

Sampler: die beiden sind „baugleich“.
1: 30 Enden /10cm, Schuss Bergschaflockengarn
2: 15 Enden/10cm, Schuss Bergschaflocken
3: 30 Enden/10cm Schuss wie Kette
4: 15 Enden/10cm Schuss wie Kette

Ich denke mal, Nummer vier wird es werden. Vielleicht noch mit ner etwas heißeren Runde in der Waschmaschine etwas angefilzt, so dass das Gewebe etwas dichter wird.

Warm bleiben im Mittelalter – die Cappa

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Und wieder ist ein Teil meiner Gewandung fertig!

Die Cappa ist ein Mantel mit ovalem Zuschnitt ohne Ärmel. quasi eine Art ovaler Poncho mit Kapuze.

Schnitt:
– oval,
-hinten so lang, dass der Po beim Vorbeugen warm bleibt,
– vorne bis Höhe Schritt. So dass sich der Saum noch unter den Gürtel stecken lässt, um nicht im Weg zu sein
– schmal ovales Halsloch
– Kapuze mit einfachem viereckigem Zuschnitt

Material:

– Obermaterial: dicker brauner Wollstoff von Finkhof (600g/m bei 150cm Breite)
– Futter: krapp-hellrote Wolle von Naturtuche  (500g/m bei 145cm Breite)
– Nähfaden: rausgezogene Kettfäden aus dem roten Tuch

Technik:

– Futter und Oberstoff rechts auf rechts im Vorstich aufeinander genäht, dabei Wendeöffnung gelassen
– gewendet, Naht abgesteppt. Dabei Wendeöffnung verschlossen- Ober- und Futterstoff der Kapuze rechts auf rechts aufeinander genäht und gewendet
– unteren Rand der Kapuze zwischen Futter- und Oberstoff am Halsausschnitt gesteckt, dabei die Ränder des Halsausschnitts nach innen umgelegt. (Furchtbare Friemelei und man braucht eine Tonne Stecknadeln! Das muss auch einfacher gehen…
– den Saum der Kapuze habe ich nicht abgesteppt, weil mir der Rand dann zu bockig gewesen wäre.

Fotooooos!

Fazit:

Ich liebe meine Cappa! Sie ist warm, kuschelig weich und wind- und regendicht. Außer als Mantel habe ich sie auch schon beim Lagern als zusätzliche Bettdecke oder als Kopfkissen benutzt. Das einzige Manko ist das Packmaß. Sie ist nicht schwer aber hat ein ziemliches Volumen und nimmt entsprechend Platz weg. Aber ich möchte sie nicht mehr missen!

Gewandungs-Fotoshooting im Märkischen Museum

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Hier kommt er nun endlich! Der ultimative „Meine-Gewandung-ist-fertig-und-ich-hab-tolle-Fotos-davon“-Blogeintrag!

Auf ihrem FoodBlog, dem „Magischen Kessel“ habe ich schon immer die wirklich guten Fotos bewundert und darum meine Spinn-, Futter- und Mittelalter-Freundin Shermin dazu verdonnert, mich in mittelalterlicher Kulisse zu fotografieren.
Obwohl sie sich nicht wirklich als Portrait-Fotografin sieht (Zitat: „Ob das was wird? Du bist zwar lecker, aber eben kein Teller mit Essen…“) sind einige ganz wunderschöne Bilder von Handmaid, Gewand und Kulisse entstanden!

Noch mal kurz zum Nachlesen für alle, die zum ersten Mal hier sind:

Zu sehen ist das Alltagskleid einer Handwerkerin um 1300 in Berlin.
Fast alle Teile sind hier bereits separat verbloggt, so
Die Cotta
Das Untergewand
Die Strümpfe
Die Schuhe
Die Kopfbedeckungen
Die Spindel

Der Gürtel ist handgemacht von Niklas Girdler, der in der „Wienischen Hantwërcliute 1350“ aktiv ist und mir dieses wirklich schöne Stück vertauscht hat.
Der Gürtelbeutel ist aus ungebleichtem Leinen genäht und hat eine handgesponnene Wollschnur zum Zuziehen. Allerdings ist das ein Prototyp, der noch einige Verbesserungen durchmachen wird. Der Tunnelzug wird gegen Nestellöcher ersetzt werden, und es wird eine irgendwie geartete Befestigung geben. Das nur der Vollständigkeit halber.

Nun aber zu den Fotos!

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Hier kann man sehen, das ich die Schlupfärmel hinten in den Gürtel gesteckt habe. Das Kopftuch ist etwas anders gebunden als sonst: ich habe es mit der geraden Seite aud die Stirn gelegt, die langen Zipfel im Nacken gekreuzt, um den Dutt gewickelt und dann alle drei Zipfel unter dem Dutt festgestopft. Die Frisur darunter war (beim gesamten Shooting) ein tiefer Wickeldutt, den ich mit einem schlichten Holzstab gehalten habe.

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Umbau auf offener Bühne: vom Kopftuch jetzt zum Wimpel:

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Einmal mit Ärmel aus, einmal angezogen. Auf dem zweiten Bild sieht man sehr schön, wie dasa Kleid fällt, finde ich.

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Ganzkörperaufnahme mit Handspindel. Man erkennt sehr schön die weißen schmalen Ovale, wo das Unterkleid durch die Ärmellöcher durchscheint. Diesen Effekt sieht man sehr oft auf zeitgenössischen Abbildungen. Zum Beispiel hier in der Kreuzfahrerbibel (die Dame in blau ganz links)
schlupfaermeloben von karin weisspfennig de
(Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 4r)

 

Noch mal Kostümwechsel: Ich hatte keine Gebendenadeln dabei, daher mit nur aufgelegtem Schleier. Hat aber- da ich ja nur dekorativ in der Gegend rumstehen musste- auch funktioniert.

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Und Spinnen lässt sich’s so auch! 🙂

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Und noch zwei Nahaufnahmen vom Gürtel, bevor es…

 

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…unter die Gürtellinie geht!

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Ja, wir hatten großen Spaß an dem Shooting, warum? 😀

 

Jetzt aber noch schnell ein paar sittsame Bilder der nähenden Holden, bevor ihr noch denkt, eure Handmaid sei ein ganz und gar loses Weib!

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Noch mal ganz herzlichen Dank an Shermin für die tapfere Fotografiererei unter erschwerten Bedingungen!
Es hat riesigen Spaß gemacht und ich liebe die Ergebnisse! (Dir ist klar, dass wir das noch mal machen müssen, sobald Mantel und/oder Sonntagsstaat fertig sind? 😉 )

Und sie dreht sich doch: mittelalterliche Tiefwirtelspindel

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Ein unverzichtbares Utensil für das weibliche Wesen zwischen neun und neunzig war während des gesamten Mittelalters die Spindel. Wolle oder Flachs zu verspinnen war eine Sisyphosarbeit, die nie beendet war und die surrende Spindel der Inbegriff des fleißigen arbeitsamen Frauenzimmers. Wir alle erinnern uns an Märchen wie Frau Holle, Rumpelstilzchen, Dornröschen, in denen die Spindel eine zentrale Rolle spielt und oft auch als Symbol für Sittsamkeit und Fleiß steht.
„Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann“ fragte John Ball um die Standesgrenzen zu hinterfragen.
Tatsächlich findet man auf vielen Abbildungen die spinnende Eva.

Miniatur aus der Maciejowski-Bibel, Fol. 2r, gefunden bei http://www.diu-minnezit.de

Abbildungen von Handspindeln aus dem Mittelalter zeigen ausschließlich Fuß-/ oder Tiefwirtel-Spindeln. Das heißt, der Wirtel, also das Spinngewicht sitzt am unteren Ende des Schafts.

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Autsch. Da hat wohl jemand den Wocken über den Schädel gekriegt 😉 Oben am Wocken hängt die Tiefwirtelspindel!
(Quelle: Lutrell Psalter, gefunden bei http://www.danceswithwool.wordpress.com)

Auf diesem Bild einer spinnenden Eva ist kein Wirtel zu erkennen. Entweder hat die Spindel keinen, oder er wurde nicht im Bild erfasst.

spinnende Eva biblia porta 4r

(Quelle: Biblia Porta,Fol. 4r)

Was man ja nie vergessen darf ist: Buchmalereien und andere Bildbelege wurden von Männern gemalt. Die waren vielleicht gute Beobachter, aber haben trotzdem wahrscheinlich nie eine Spindel in der Hand gehalten. Mit der Interpretation von Bildquellen muss man also -wie immer- etwas vorsichtig sein.

So oder so: Wirtel an den Spindeln sind belegt, die kann man an allen Ecken und Enden ausbuddeln. Der Lieblingsmann hat seinen Zivildienst damals beim Denkmalschutz gemacht und hat in der Zeit haufenweise tönerne Spinnwirtel aus dem märkischen Sand geholt.
An diesen Funden hat sich die wunderbare Shermin vom Fiberspace orientiert und mir zu meinem letzten Geburtstag einen ganzen Satz handgetöpferter Spinnwirtel geschenkt!

Zur Entstehung hat sie selbst einen Artikel verfasst, den man hier nachlesen kann.
Ich habe für einen ersten Versuch einen der Wirtel auf einen Rundstab aus Buchenholz (6mm Durchmesser, für kanpp 1€ aus dem Baumarkt) gesteckt. Die Enden habe ich mit einem scharfen Messer etwas angespitzt.

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Für einen ersten Versuch habe ich eine Handvoll ungefärbtes Jakobschaf angesponnen.

Ich bin noch nicht so richtig glücklich damit. Es mag daran liegen, dass ich bisher nur Kopfspindeln gewohnt war, aber ich finde es schwierig, diese Spindel zu zentrieren. Sie eiert leicht und dreht sich vor allem sofort in die Gegenrichtung, sobals der Drall aufhört. Das ist ziemlich ärgerlich. Aber sie funktioniert, ich kann damit spinnen und mit etwas Übung vielleicht sogar richtig gut 😉

Von dem Buchenhozstab habe ich noch nen knappen Meter hier. ich werde also auch noch mit verschiedenen Wirteln und Schaftlängen herumexperimentieren. Vielleicht bringt das ja den Durchbruch!