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Pinata-Steckbrief grünes Schlupfärmelkleid

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier

Grünes Schlupfärmelkleid

–> Blogpost
–> mehr Fotos (mit noch teilweise unpassenden Accessoirs)
–> Umarbeitung zum Stillkleid

Material:
Wollköper, chemisch gefärbt. („feine birkengrüne Wolle“ von Naturtuche)

Schnitt: bequemes weites Schlupfärmelkleid. Seitengehren ab Armloch. Knapp bodenlang
Quelle: Schlupfärmelkleider finden sich unter anderem in der Maciejowski-Bibel, im Goslaer Evangeliar, der Bible moralisée und auf Relieffiguren am Straßburger Münster
bekannte Schwächen:
– Der Stoff ist nicht pflanzengefärbt.
– Außerdem gibt es eine Ungenauigkeit bei der Trageweise: Wenn ich die Ärmel ausziehe, stecke ich sie hinten in den Gürtel, damit sie nicht im Weg sind.
Auf allen(!) Abbildungen, die ich kenne, werden die Ärmel aber im Nacken bzw. auf dem Rücken verknotet edit: oder hängen einfach lose über den Rücken. Bei mir hält das nicht, außerdem finde ich es unpraktisch, auf meinem Rücken einen Knoten zu nesteln, wenn ich die Ärmel mit einem Griff hinter den Gürtel stecken könnte. Vielleicht ist der Schnitt doch ein anderer?
– die Öffnung zum Stillen samt den Bändern ist eine Interpretation von mir und so nicht belegbar.

Pinata-Steckbrief blaue Sommercotta

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier

Blaue Sommercotta

–> Blogartikel

Material: Wollköper (gleichgrat), Indigo-Einfachfärbung, 270g/m² von Färbehof
Schnitt: 
– gerade Vorder- und Seitenbahn, Seitengehren ab etwas oberhalb der Taille
– nicht ganz bodenlang
– Ärmel mit Quadratischen Zwickeln unter dem Arm
– Ärmel vorne so eng, dass man ohne Knöpfe gerade noch rein kommt
Quelle: Schnitt grob nachempfunden dem Kleid der heiligen Elisabeth. Blaue Kleider für Frauen finden sich zum Beispiel in der Maciejowski-Bibel (Frankreich, ich weiß).
Bekannte Schwächen:
– der Ausschnitt ist zu weit geraten. Für unsere Zeit sollte er eher sehr halsnah sein. Außerdem schaut so das Unterkleid raus. Wenn jemand eine Idee hat, wie sich das sinnvoll ändern lässt: lasst es mich gerne wissen!
– der Stoff ist sehr leicht. Ich bin am Überlegen, ob das zur gewählten Darstellung passt, oder ein bisschen arg fein ist.
– die Ärmel sitzen nicht ganz so, wie ich das gerne gehabt hätte. Auf den Abbildungen sehen sie keuelnförmiger aus. ein längerer Keil auf der Rückseite hätte wohl besser funktioniert als ein Quadrat unter dem Arm.
– ich bin noch am Recherchieren zu Rocklängen. Das Kleid ist nicht gnaz bodenlang, was ich für eine arbeitende Frau sinnvoll fand. Andererseits weist Katrin Kania in ihrem Buch darauf hin, dass mindestens bodenlange Kleider nicht nur wenig nach- sondern auch gewisse Vorteile haben und außerdem die gängigen Abbildungen eher dafür sprechen.

Stillkleidung – nursing dress

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La Régime du Corps, Frankreich ca 1285

Wie ihr vielleicht bei Facebook schon mitbekommen habt, gibt es eine große Neuerung in meinem Leben:

Seit Januar bin ich Mutter eines wunderbaren kleinen Sohnes!
Das stellt nicht nur meinen Alltag und mein „ziviles“ Leben ordentlich auf den Kopf, sondern ich muss mir auch für das Hobby ein paar neue Lösungen einfallen lassen.
Neben Babykleidung und einer Idee zum Tragen (dazu später mehr) war eine der größeren Herausforderungen, meine Gewandung so zu ändern, dass ich den Babyboy stillen kann.

You maybe already heard the good news on facebook or elsewhere: in January I gave birth to a wonderful little boy! That does not only change all of my „civil“ life but I also had to come up with some solutions for the Living History hobby as well. I needed babyclothes and a solution for babywearing and I had to alter my garb so I could breastfeed Babyboy.

Bei der Recherche war ich überrascht, dass es tatsächlich einige Abbildungen von stillenden Frauen gibt. Besonders häufig als Motiv ist die „Maria lactans“, also die Jungfrau Maria, die den kleinen (und manchmal gar nicht mehr sooo kleinen) Jesus stillt.
Außerdem habe ich die eingangs stehende Abbildung gefunden, die wohl zeigt, wie eine adlige Dame die Brust einer Amme prüft.
Viele dieser Abbildungen sehen aus, als hätte die Cotte auf Höhe der Brust senkrechte Schlitze. Ich halte es da aber mit Gabriele Klostermann, die in ihrem Blogartikel zur Stillkleidung schreibt

„Hier ist meine Überlegung, dass es wenig Sinn macht, mitten in eine Stoffbahn zu schneiden.“
http://www.tempora-nostra.de/mode_gewandformen_2_sonstiges.shtml

During research I was surprised to find quite a number of pictures from the middle ages that showed breastfeeding women. A very common motiv is the „Maria Lactans“, the virgin Mary nursing infant Jesus. I also came across the picture on the top of this page showing a noblewoman examining the breast of a potential wetnurse.
A lot of these illuminations seem to show vertical cuts in the dress but I agree with Gabriele Klostermann who writes in an article on nursing clothes:
„To my opinion it makes little sense to cut right into a piece of fabric“
(translation by me)

Recht hat sie und weist direkt danach auf eine Möglichkeit hin, die ich für mich auch schon ins Auge gefasst hatte: das Unterkleid tief zu schlitzen und die ohnehin vorhandenen Ausschnitte der Schlupfärmel zu nutzen.
Tatsächlich gibt es für beides bildliche Belege, die Gabriele auch schon gesammelt hat*:

She has a very good point there and offers a much more practical solution: Open the front of the underdress and use the armholes of a dress with slip-out sleeves.
You can find proof for both alterations. Gabriele collected the following pictures (I copied both pictures and describition from her page)

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geschlitztes Unterkleid, Psalter, Österreich, cod. 1889; fol. 179v; 1295-1300

 

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Notre-Dame, Paris Südquerschiffportal Mitte 13.Jhd

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Elisabeth spendet Almosen, Marburg, um 1250

Den Halsschlitz von meinem Unterkleid hatte ich sowieso schon einmal weiter aufgeschnitten, weil ich im Winter hochschwanger bei einer Veranstaltung war und mit meinen neuen Dimensionen nicht mehr hineingepasst hatte 😉

Diesen Schlitz bis etwa Bauchnabelhöhe habe ich also einfach versäubert.
Einen Verschluss habe ich nicht angebracht, das wäre mir zu viel Gefummel und das relativ feste Leinen bleibt auch so ganz gut am Platz

I had to open my underdress anyway because I was attanding an event last winter while being 9 month pregnant and couldn’t fit into it 😉

So I just neatened this slit. I did not add any fastener,  because I didn’t want to fiddle araund with to many buttons, strings or the like

Halsausschnitt am Unterkleid vorher und nachher.
Underdress neck-opening before and after

 

Die Ärmellöcher an den Schlupfärmeln sind zwar schon recht groß, aber zum Stillen reicht es noch nicht ganz. Darum habe ich die Naht zwischen Vorderteil und Gehre bis zur Taille aufgetrennt. Da die Nahtzugaben zu beiden Seiten der Naht umgefaltet und versäubert sind, konnte ich einfach die Naht auftrennen, ohne hinterher versäubern zu müssen.
Knapp unter dem Ärmel habe ich zwei geflochtene Schnüre aus Wollgarn befestigt, um den großen Schlitz etwas verschließen zu können.

The armholes are quite roomy as they are, but not big enough for nursing. So I unstiched a part of the seam between the front panel and the gore down to the waist. Since I had neatened thes seam by folding it to both sides, I could just undo the seam without having to neaten it again.
Under the arms I added some braided woolen thread to close the rather big slit.

Zum Stillen kann ich jetzt das Unterkleid nach links und die Cotte nach rechts verschieben (oder eben umgekehrt) und fertig 🙂
For nursing I can now move one layer to the right and the other to the left and voila: done 🙂

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Angezogen sieht man davon kaum etwas und das Kleid fällt und wirkt wie man es von Schlupfärmelkleidern kennt:
When closed you hardly see the openings and the dress looks just like any ordinary slip-sleeve dress.

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Die Premiere hatte diese Kombination dieses Wochenende beim Winteraustreiben im Museumsdorf Düppel, wo Babyboy und ich sehr idyllisch im Frühlingssonnenschein auf einer Bank gestillt haben 🙂
Funktioniert wunderbar!
This alterations had their debut this weekend at Düppel open-air museum where Babyboy and I nursed in the wonderful spring sun on a bench under a tree. 🙂
Works like a charm!

*Bilder so wie Bildbeschreibungen habe ich aus dem verlinkten Blogartikel kopiert

 

 

Der Handmaid neue Kleider: Sommercotta!

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Es wurde langsam Zeit. Mein grünes Schlupfärmelkleid ist zwar immer noch gerne im Gebrauch und inbesondere bei Schmuddelwetter oder -arbeiten unverzichtbar, aber es ist auch sehr warm.
Die „leichte Wolle“ von Naturtuche hat dann doch immerhin 507g/m² .
It was time for something new. I still love my green dress and wear it a lot, especially when it is cold and/or rainy, but it is quite warm.
The fabric („light wool“ by Naturtuche ) weighs 507g/m².

Also musste für die diesjährigen Sommeraktivitäten ein leichteres Kleid her. Und weil das grüne…sagen wir mal eher praktisch als hübsch ist, hab ich mal mein gotisches It-Girl gechannelt und gleich einen Sonntagsstaat genäht.
So for this year’s summer season I needed something lighter. and since the green one is…more sensible than pretty I channeled my inner medieval It-Girl and decided for something nice for sundays 🙂

Der Stoff ist vom Färbehof und ein absoluter Traum. Als eine Gruppenfreundin von den Brandenburgundern einige Meter für neue Kleider erstanden hatte, konnte ich den schon mal probegrabbeln und ich bin begeistert!
Ein ganz ganz leichter Wollköper (270g pro m² und damit nur halb so schwer wie der leichte Köper von Naturtuche.) in strahlenden Farben und alles pflanzengefärbt!

The fabric is purchased at Färbehof and is a real dream! A fellow reenactor from Brandenburgunder-group had already ordered a few meters for a new dress and I instantly fell in love with this. It’s a very light wollen twill (27g/m² an thus only half the weight of the green one.) Bright colours and all plant-dyed!

Also hüpften 2,5 Meter in der Farbe „Mittelblau“ (Indigo Einfachfärbung) davon in den virtuellen Warenkorb und wurden zu meinem neuen Sommerkleid.
So I grabbed 2,5m of „middle blue“ (indigo, single dye) and turned them into a new summerdress!

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Ist es nicht wunderschön? (Großer Dank an dieser Stelle an die unvergleichliche Shermin vom Fiberspace für die genialen Fotos!)
Isn’t that beautiful? (Thanks a lot to the wonderful Shermin over at Fiberspace for the awesome pivtures!)

Der Schnitt ist ganz ähnlich wie schon hier bei meiner Wintercotte beschrieben:
– gerade Vorder- und Rückenbahn (nur leicht an den Ärmeln ausgeschnitten)
– Seitengehren in Bahnbreite
– Schlüssellochausschnitt

The pattern is basically the same as described for the green winter-cotta.
– straight rectangular front and back (just a little cut out for the sleeves)
– side gores in the width of the front and back
– keyhole-neckline

Ein paar Änderungen gab es allerdings:
– Da ich mich für den „Sonntagsstaat“ gegen Schlupfärmel entschieden habe, konnte ich die Ärmel -für Mitte des 13. Jhd. topmodisch- so eng machen wie man ohne Knöpfe grad noch rein kommt.
– beim Schlupfärmelkleid setzen die Gehren direkt unter der Armöffnung an. Hier beginnen sie an der Taille.
Die notwendige Bewegungsfreiheit kommt dann durch quadratische Zwickel (auch Ärmelkeile genannt) unter der Achsel.

I made  few alterations though:
– since this is the „sunday best“ I did not make slip-out sleeves but sleeves as narrow as I can get without needing buttons (top of the fashion for mid-13th century)
– On the green dress the gores start right under the arm. Here I lowered them to start at the waist.
– To allow my arms to move I added square-shaped godets in the armpit

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– Bei meinen bisherigen Gewandungsteilen habe ich zum Versäubern immer die Nahtzugaben zu beiden Seiten der Naht umgeklappt und mit Überwendlingstichen versäubert. Das ist eine belegbare und oft verwendete Naht. Allerdings ist sie auch extrem anfällig. Gerade an beanspruchten Stellen reißen diese Nähte sehr gerne auf.

– so far I always used to neaten seams by folding the seam allowence to each side and attaching them with overedge-stiches. This kind of seam is verifyable and widely used. But I learned that these seams often break. Especially at more stressed parts.

Beim blauen Kleid habe ich mich daher dafür entschieden, Kappnähte zu verwenden. Das heißt: rechts auf rechts im Vorstich zusammennähen, eine Nahtzugabe auf die halbe Breite runterschneiden, längere Nahtzugabe zweimal umschlagen (über die kürzere) und mit Überwendlingstichen oder Vorstichen festnähen.
Diese Naht ist sehr haltbar und reißt auch an den Ärmelkeilen oder den Gehrenspitzen nicht so schnell wieder auf.

So this time I decided for a lap-felled seam. Meaning: sew parts together with right sides facing each other. Trim one seam allowance down to one half, fold the longer allowence over the shorter one and attach with overedge-stiches.
This results in a very durable seam witch will last a lot longer even on parts like the tip of a gore or the under-arm patches.

Nähfaden war wie immer rausgezogener Kettfaden.
I used warp-threads that I pulled out of scrap fabric as sewing thread.

Und wie könnte es anders sein: neues Gewandungsteil, neue Herausforderungen! (Wir erinnern uns an den komplett falschrum genähten Saum vom Unterkleid? *seufz*)
Ganz grobe Schnitzer sind gottseidank nicht passiert, aber:
– eigentlich sollte das Kleid, weil es ja „für gut“ ist, 4 Gehren bekommen. Dummerweise habe ich in meinem Zuschnitt-Rausch und bei 38°C im Schatten ausversehen nur zwei zugeschnitten. Die dafür schön breit. Nun gut… 😉
– Der Ausschnitt ist etwas großzügig. Er ist zwar nicht tief (das wäre ja noch schöner) aber ein wenig zu breit. Das entspricht 1. nicht der historischen Vorlage -Kleider dieser Zeit waren sehr halsnah geschnitten, daher ja auch der Schlüssellochschlitz- und 2. lugt jetzt das Unterkleid vor.

And of course: new dress, new challanges! (You remember my inside-out underdress? *sigh*)
It’s nothing too bad, but:
– I origninally planned 4 gores, since this was meant to be a fancy sunday dress. But somehow I miscalculated and ended up with two very wide ones. Well… that’s fine too.
– The neckline is a bit wide. That’s not exactly period. Dresses in this time used to be very close to the neck -hence the keyhole neckline- and now I ended up with my underdress peeking out at the shoulder.

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Ist kein Weltuntergang, kann man auch so lassen, aber beim nächsten Mal passe ich besser auf!
It’s not the end of the world but I will pay more attention next time.

Das Fazit: große Liebe! Der Stoff ist ein Traum: leicht, toller Fall, leuchtende Farben und preislich sogar noch im Rahmen (32€/Lfm bei Einfachfärbung), das Kleid sitzt super bequem und die Farbe passt prima zu meinen Augen! (sagt ja keiner, dass man sich im Hobby nicht auch hübsch finden darf, richtig? 😉 )

Conclusion: big love! The fabric is to die for. Great draping, bright colour and actually reasonably priced (32€/meter in single-dye) the dress fits just right is comfy and matches my eyes! (Nobody said you can’t feel pretty in your garb, right? 😉 )

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Das Herzstück der Gewandung: die Cotte

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Wer in letzter Zeit meine Blogartikel verfolgt hat, an dem wird nicht vorbei gegangen sein, dass ich zur Zeit an einer mittelalterlichen Gewandung bastele, die in möglichst großen Teilen selbstgemacht sein soll.

Für eine ernsthafte Mittelalterdarstellung sind immer drei Eckpfeiler ausschlaggebend: das WANN? das WO? und das WER?
Wobei das „Wer“ hier keine komplette erdachte Vita einer fiktiven Figur meint, sondern hauptsächlich einen Stand und vielleicht noch einen Beruf o.ä. festlegen soll.

In meinem Fall heißt das:

WANN? Um das Jahr 1300
WO? In Berlin-Cölln
WER? Die Gattin eines einigermaßen wohlhabenden Handwerkers

Über mein Untergewand , die Strümpfe und Schuhe so wie über diverse Kopfbedeckungen habe ich hier schon berichtet.
Nun kommen wir zum Herzstück: dem Obergewand, auch Cotte oder Cotta genannt.

Meine Cotte ist ein einfaches Alltagskleid, das sehr schlicht geschnitten und vor allem praktisch ist. Hintergrundüberlegungen dazu waren die folgenden:

Material: Wer nicht gerade so wohlhabend war, dass er sich ein seidenes Gewand leisten konnte, dessen Oberkleidung war aus mehr oder weniger feinem Wollstoff. Während man in Funden des Frühmittelalters noch öfter kompliziertere Webarten wie Fischgrat- oder Diamantköper findet, zeigen spätere Funde eher schlichte Gleichgratköper. Eine Vermutung dazu ist, dass die Weiterentwicklung der Webstühle ein höheres Tempo beim Weben der Stoffe erlaubte, was aber zu Lasten der komplizierteren Bindungen ging. Meine Alltagscotte ist aus „feiner birkendunkelgrüner Wolle“ von www.naturtuche.de und ich habe hier schon etwas über dieses Tuch geschrieben.
Nähfaden warren aus Reststücken gezogene Kettfäden.

Schnitt: Im ausgehenden Hoch- und beginnenden Spätmittelalter waren die Kleider noch recht locker geschnitten. Zwar kommen langsam auch Cotten auf, die am Oberkörper und den Ärmeln enger geschnitten und zum Teil auch geknöpft sind, aber für ein Arbeitskleid habe ich mich für den typischen Hochmittelalterschnitt entschieden: gerade Bahnen vorne und hinten, seitliche Gehren jeweils in Bahnbreite. Das ganze durch einen Gürtel gerafft.
schlupfaermel2 von karin weisspfennig de

Auf dem Bild sieht man sehr gut die locker geschnittenen Cotten der arbeitenden Frauen, die mit einem Gürtel gerafft wurden. (Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 18r)

Die Halsausschnitte sind auf den zeitgenössischen Abbildungen sehr halsnah. Um trotzdem bequem rein und raus zu kommen, habe ich einen Schlüssellochausschnitt eingearbeitet. Also einen kleinen Schlitz, der mit einem Fürspan verschlossen wird.
Hier sieht man einen solchen Ausschnitt.

(Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 19r)

Rocklänge: Die Frau eines Handwerkers hat im Haus und in der Werkstatt eine Menge Arbeit, die auch anstrengend staubig und schmutzig ist. Das Kleid für den Allteag ist daher eher nicht überbodenlang, sondern hat eine Länge mit der sie auf ebenem Boden noch gehen kann, ohne den Rock anheben zu müssen, wenn sie beispielsweise die Hände voll hat. Auf dem Bild weiter oben kann man sehen, dass die Kleider der Frauen etwas über den Gürtel gerafft sind und so nur etwa bis zum Knöchel reichen. Die Dame rechts im Bild trägr ein deutlich längeres Gewand, das eventuell auch ein Surcot (Also ein Überkleid über der eigentlichen Cotte) sein könnte. Meine Cotte reicht mir aufrecht stehend und ohne über den Gürtel geschoppt zu sein nicht ganz bis auf den Boden.

Schlupfärmel: Die Ärmel dürfen bei der Arbeit nicht im Wege sein. Ich habe mich für so genannte Schlupfärmel entschieden. Die Ärmel werden in das Kleid eingesetzt, aber nur etwa von der obersten Stelle der Schulter und hinten bis unter die Achsel angenäht. Dadurch kann man aus den Ärmeln schlüpfen und sie entweder hinter dem Rücken verknoten oder in den Gürtel stecken. Das hat zwei große Vorteile: Wenn es sehr warm ist, kann frau sich so Kühlung verschaffen und die Kleiderärmel sind aus dem Weg, wenn man nasse oder schmutzige Arbeiten zu verrichten hat. Das Leinene Untergewand lässt sich viel leichter reinigen und trocknen auch schneller als der Wollstoff der Cotte.
Auf dem Bilde unten sieht man einmal eine Cotte mit angezogenen Schlupfärmeln. Unter dem vorderen Arm kann man das weiße Unterkleid durch den Ärmelschlitz durchscheinen sehen
schlupfaermeloben von karin weisspfennig de
(Quelle: Maciejowski-Bibel Fol. 4r)

Die Wöchnerin und die Magd/Hebamme auf dem linken Bild tragen beide Kleider mit Schlupfärmeln, die sie ausgezogen und nach hinten gelegt haben. Auf dem rechten Bild sind die Ärmel auf dem Rücken verknotet.
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(Quelle: Maciejowski-Bibel, Fol. 19v und 41v)
Die gesamte Cotte habe ich mit der Hand genäht. Alle Nähte sind im Vorstich genäht, dann die Nahtzugaben zu beiden Seiten doppelt umgeschlagen und mit dem Überwendlingstich versäubert.

Der Schnitt ist, wie oben beschrieben, sehr simpel: Vorder- und Rückenteil sind jeweils eine rechteckige Bahn. Als Maß galt hier: Breite so, dass es über die Brust passt, Länge von der Oberseite der Schulter bis reichlich zum Boden (Um noch einen „Puffer“ zum Abrunden zu haben.)

Die Gehren sind aus zwei Teilen zusammengesetzt und jeweils so breit wie eine Bahn. Sie werden direkt unter der Achsel eingesetzt.


Einzelteile mit Heftfaden grob zusammengenäht.

Hier eine Nahaufnahme vom Schlüssellochausschnitt einmal ohne, einmal mit Fürspan zum Verschließen.

Die Ärmel sind oben weit genug, dass ich noch aus ihnen herausschlüpfen kann, wenn sie am Kleid befestigt sind (das musste ich ein paar mal ausprobieren.) und werden dann nach vorne enger
Ärmel vor dem Einsetzen. mit weißem Heftfaden habe ich die Form mehrmals nachgebessert.

die Säume am Hals, an den Ärmeln und am Saum sind schmal doppelt gelegt und mit feineren Überwendlingstichen genäht.


Naht versäubert mit Überwendlingstich

 

Das sieht ja schon mal ganz gut aus…

Dan noch ein paar Stunden nähen…und nähen…und noch mehr nähen…
(Ehrlich: dieses Kleid war verhext! Jedes mal, wenn ich jubeln wollte „Letzte Naht!“ tauchte irgendwo ein noch nicht versäuberter Meter auf!)
Aber irgendwann (genauer gesagt: nach 54 Stunden und 16 Minuten – ich habe es gestoppt!) war es dann vollbracht!

Und hier die fertige Cotte inklusive Gürtel, Kopfputz und allem drum und dran! 🙂

 

Mittelalter-Cotte; ein Zwischenstand

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Mittlerweile hat sich einiges getan! Mein Oberkleid (auch Cotte oder Cotta genannt) aus der herrlichen birkendunkelgrünen Wolle von www.naturtuche.de geht ihrer Vollendung entgegen!
Damit ist dann nach dem Unterkleid der zweite wichtige Teil meiner Gewandung vorhanden.

Stoff: Wollköper (Gleichgratköper), chemisch gefärbt aber in einem sehr naturgetreuem Farbton der bei Färbung mit Birkenblättern und Eisenoxid erreicht werden kann. Gekauft bei www.naturtuche.de

Nähgarn: Kettfäden des Wollstoffes, die ich aus Verschnittstücken gezogen habe.

Schnitt:
-gerade Vorder- und Rückbahn,
-seitliche Gehren, jeweils in knapp Bahnbreite aus zwei Dreiecken zusammengesetzt, eingesetzt ab Achsel/Ärmelloch
– Schlüssellochausschnitt (relativ hochgeschlossen)
– Schlupfärmel, nach unten verjüngend, kein Verschluss

Techniken: komplett von Hand genäht (mit moderner Nähnadel und Stecknadeln); Heftstich und Überwendlingstich zum Versäubern

Fotooooos! Ich habe den Versuch aufgegeben, den Farbton des Stoffes richtig einfangen oder per Bildbearbeitung rausbringen zu wollen. Je nach Licht sieht er immer wieder ein bisschen anders aus.

Es geht los: der erste Schnitt! (tiiieef durchatmen…)

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erstmal zusammenstecken und gucken, ob alles einigermaßen passt!
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Weil die Stecknadeln aber gerne raus fallen und ich eine festere Verbindung brauchte, insbesondere um Schnitt und Sitz der Ärmel zu bestimmen, habe ich alle Teile mit einem weißen Leinenfaden grob  zusammengeheftet

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Dann geht es ans eigentliche Nähen. Als Faden habe ich Kettfäden benutzt, die ich aus Verschnittstücken gezogen habe. Auf der linken Seite ist die Webkante zu erkennen. Kettfäden sind dann die Fäden, die parallel zu dieser Kante verlaufen. Sie sind meist reißfester als die Schussfäden. Da man mit zu langen Fäden nicht vernünftig arbeiten kann (der Faden verknotet leicht und reißt auch schneller, weil er öfter durch den Stoff gezogen und damit belastet wird), habe ich jeweils meine Nähfäden aus einem etwa 30cm langen Stück gezogen. Damit komme ich gut zurecht.
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Ab und zu muss man die entstehenden losen Schussfäden kürzen, es ist sonst sehr mühselig, den Kettfaden herauszuziehen.
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Die einzelnen Teile des Kleides werden zunächst im Vorstich rechts auf rechts zusammengenäht. Die weißen Heftfäden habe ich drin gelassen, das ersparte mir erstens die Verwendung von Stecknadeln und gab mir eine Orientierung für den Nahtverlauf. Auf dem Bild unten habe ich mal versucht zu zeigen, wie groß die Abstände zwischen den Stichen sind. An der fertigen Naht sieht man das nachher kaum noch, weil der Faden sich so in den Stoff einpasst. Tatsächlich kann man einiges an Zeit sparen, wenn man fünf oder sechs Stiche gleichzeitig auf die Nadel nimmt. Die Stecknadel dient zum Größenvergleich.
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Die Nahtzugaben werden dann rechts und links der Naht zweimal umgefaltet und mit dem Überwendlingstich versäubert. Ich nehme dazu nur einen oder zwei Fäden aus dem Stoff auf und nur ein paar mehr Fäden aus der Nahtzugabe.
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Zur Orientierung: Wir sind auf der linken (inneren) Seite des Kleides. Unter meinem Fingernagel geht die Vorstichnaht lang, nach rechts ist die Nahtzugabe zweimal umgefaltet und wird jetzt mit Stecknadeln fixiert und dann angenäht.
Auf dieser wunderbaren Grafik wäre das Abbildung 14 (Quelle: www.familia-ministerialis.de )

So sieht die Naht dann fertig aus (von der linken -inneren- Seite):
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Die Säume am Ausschnitt und an den Ärmelöffnungen habe ich ebenfalls zweimal nach innen umgeschlagen (aber schmaler) und mit dem Überwendlingstich versäubert.
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(gemerkt? In der Zwischenzeit sind meine Gel-Nägel verschwunden! Zurück zu Natur pur 😉 )

Alles zusammengenäht und zum Großteil versäubert, jetzt fehlten noch die Ärmel.
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Ich will ja Schlupfärmel einsetzten, die nur auf der hinteren Hälfte mit dem oberen Teil des KLeides vernäht sind, vorne aber nicht. Dadurch kann man aus den Ärmeln schlüpfen und sie hinten in den Gürtel stekcen. Dann sind sie bei schmutzigen oder nassen Arbeiten aus dem Weg und an heißen Tagen kann frau sich etwas Abkühlung verschaffen.
So sieht das dann aus:
(Das ist immer noch ein Zwischenschritt. Die Ärmelausschnitte sind noch nicht komplett versäubert und der Gürtel ist ein modernes Modell, das nur für den Moment Form verleihen soll.)
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Zwischendurch habe ich auch einen Fürspan erstanden, der den Schlüssellochauschnitt am Hals verschließt:
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So weit, so Oberkleid.Wegen eines Gürtels bin ich mit einem Menschen in Kontakt, der selbst in der Mittelalterszene unterwegs ist, und mir im Tausch gegen anderes Selbstgemachtes einen einfachen gürtel für meine Darstellung fertigen wird! Außerdem sind mein meine Schuhe angekommen, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal hier erzählt werden 😉

Wollstoff für die Cotte ist da!

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Juhuu, kaum habe ich angefangen, über meine Mittelalternäharbeiten zu schreiben, da ist auch schon der Stoff für die nächste Aktion in der Post:

Dunkelgrüner Wollköper für das Oberkleid (auch Cotte oder Cotta genannt).

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Ich habe lange mit Kamera und Bildbearbeitungsprogramm gerungen um die Farbe einigermaßen einzufangen. Es ist ein satter oliv-jägergrüner Ton.

Bezugsquelle: http://www.naturtuche.de
Bezeichnung: „leichte birkendunkelgrüne Wolle“
Material: 100% Schurwolle, chemisch gefärbt aber -wohl täuschend echt- die Färbung mit Birkenblättern nachhahmend.
Bindung: Gleichgratköper
Webbreite: 145cm
gekauft: 4m
Gewicht: 350g/lfm
Wer sich -wie ich- unter der Gewichtsangabe nichts vorstellen kann: Die Wolle ist…dicker als eine Anzughose aber dünner als eine Jeans 😉 sie fällt sehr schön, ist kein bisschen bockig. Ich habe versucht, dass auf dem Bild zu zeigen, indem ich den Stoff möglichst faltenreich auf dem Balkonstuhl drapiert habe.

Ich weiß noch nicht, ob ich Nähgarn  noch extra bestellen will, oder ob ich versuche, mit rausgezogenen Kettfäden aus Reststücken zu nähen. Das soll sehr gut gehen und man hat definitiv die richtige Farbe und Nadelstärke.
Mal gucken. Bevor dieses (nicht ganz preiswerte) Schätzchen zerschnitten wird, muss ich eh noch siebenunddrölfzig Dinge zum Schnitt recherchieren 😉