Schlagwort-Archive: Kappnaht

Der Handmaid neue Kleider: Sommercotta!

Standard

Es wurde langsam Zeit. Mein grünes Schlupfärmelkleid ist zwar immer noch gerne im Gebrauch und inbesondere bei Schmuddelwetter oder -arbeiten unverzichtbar, aber es ist auch sehr warm.
Die „leichte Wolle“ von Naturtuche hat dann doch immerhin 507g/m² .
It was time for something new. I still love my green dress and wear it a lot, especially when it is cold and/or rainy, but it is quite warm.
The fabric („light wool“ by Naturtuche ) weighs 507g/m².

Also musste für die diesjährigen Sommeraktivitäten ein leichteres Kleid her. Und weil das grüne…sagen wir mal eher praktisch als hübsch ist, hab ich mal mein gotisches It-Girl gechannelt und gleich einen Sonntagsstaat genäht.
So for this year’s summer season I needed something lighter. and since the green one is…more sensible than pretty I channeled my inner medieval It-Girl and decided for something nice for sundays 🙂

Der Stoff ist vom Färbehof und ein absoluter Traum. Als eine Gruppenfreundin von den Brandenburgundern einige Meter für neue Kleider erstanden hatte, konnte ich den schon mal probegrabbeln und ich bin begeistert!
Ein ganz ganz leichter Wollköper (270g pro m² und damit nur halb so schwer wie der leichte Köper von Naturtuche.) in strahlenden Farben und alles pflanzengefärbt!

The fabric is purchased at Färbehof and is a real dream! A fellow reenactor from Brandenburgunder-group had already ordered a few meters for a new dress and I instantly fell in love with this. It’s a very light wollen twill (27g/m² an thus only half the weight of the green one.) Bright colours and all plant-dyed!

Also hüpften 2,5 Meter in der Farbe „Mittelblau“ (Indigo Einfachfärbung) davon in den virtuellen Warenkorb und wurden zu meinem neuen Sommerkleid.
So I grabbed 2,5m of „middle blue“ (indigo, single dye) and turned them into a new summerdress!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ist es nicht wunderschön? (Großer Dank an dieser Stelle an die unvergleichliche Shermin vom Fiberspace für die genialen Fotos!)
Isn’t that beautiful? (Thanks a lot to the wonderful Shermin over at Fiberspace for the awesome pivtures!)

Der Schnitt ist ganz ähnlich wie schon hier bei meiner Wintercotte beschrieben:
– gerade Vorder- und Rückenbahn (nur leicht an den Ärmeln ausgeschnitten)
– Seitengehren in Bahnbreite
– Schlüssellochausschnitt

The pattern is basically the same as described for the green winter-cotta.
– straight rectangular front and back (just a little cut out for the sleeves)
– side gores in the width of the front and back
– keyhole-neckline

Ein paar Änderungen gab es allerdings:
– Da ich mich für den „Sonntagsstaat“ gegen Schlupfärmel entschieden habe, konnte ich die Ärmel -für Mitte des 13. Jhd. topmodisch- so eng machen wie man ohne Knöpfe grad noch rein kommt.
– beim Schlupfärmelkleid setzen die Gehren direkt unter der Armöffnung an. Hier beginnen sie an der Taille.
Die notwendige Bewegungsfreiheit kommt dann durch quadratische Zwickel (auch Ärmelkeile genannt) unter der Achsel.

I made  few alterations though:
– since this is the „sunday best“ I did not make slip-out sleeves but sleeves as narrow as I can get without needing buttons (top of the fashion for mid-13th century)
– On the green dress the gores start right under the arm. Here I lowered them to start at the waist.
– To allow my arms to move I added square-shaped godets in the armpit

IMG-20150712-WA0008IMG-20150712-WA0010

– Bei meinen bisherigen Gewandungsteilen habe ich zum Versäubern immer die Nahtzugaben zu beiden Seiten der Naht umgeklappt und mit Überwendlingstichen versäubert. Das ist eine belegbare und oft verwendete Naht. Allerdings ist sie auch extrem anfällig. Gerade an beanspruchten Stellen reißen diese Nähte sehr gerne auf.

– so far I always used to neaten seams by folding the seam allowence to each side and attaching them with overedge-stiches. This kind of seam is verifyable and widely used. But I learned that these seams often break. Especially at more stressed parts.

Beim blauen Kleid habe ich mich daher dafür entschieden, Kappnähte zu verwenden. Das heißt: rechts auf rechts im Vorstich zusammennähen, eine Nahtzugabe auf die halbe Breite runterschneiden, längere Nahtzugabe zweimal umschlagen (über die kürzere) und mit Überwendlingstichen oder Vorstichen festnähen.
Diese Naht ist sehr haltbar und reißt auch an den Ärmelkeilen oder den Gehrenspitzen nicht so schnell wieder auf.

So this time I decided for a lap-felled seam. Meaning: sew parts together with right sides facing each other. Trim one seam allowance down to one half, fold the longer allowence over the shorter one and attach with overedge-stiches.
This results in a very durable seam witch will last a lot longer even on parts like the tip of a gore or the under-arm patches.

Nähfaden war wie immer rausgezogener Kettfaden.
I used warp-threads that I pulled out of scrap fabric as sewing thread.

Und wie könnte es anders sein: neues Gewandungsteil, neue Herausforderungen! (Wir erinnern uns an den komplett falschrum genähten Saum vom Unterkleid? *seufz*)
Ganz grobe Schnitzer sind gottseidank nicht passiert, aber:
– eigentlich sollte das Kleid, weil es ja „für gut“ ist, 4 Gehren bekommen. Dummerweise habe ich in meinem Zuschnitt-Rausch und bei 38°C im Schatten ausversehen nur zwei zugeschnitten. Die dafür schön breit. Nun gut… 😉
– Der Ausschnitt ist etwas großzügig. Er ist zwar nicht tief (das wäre ja noch schöner) aber ein wenig zu breit. Das entspricht 1. nicht der historischen Vorlage -Kleider dieser Zeit waren sehr halsnah geschnitten, daher ja auch der Schlüssellochschlitz- und 2. lugt jetzt das Unterkleid vor.

And of course: new dress, new challanges! (You remember my inside-out underdress? *sigh*)
It’s nothing too bad, but:
– I origninally planned 4 gores, since this was meant to be a fancy sunday dress. But somehow I miscalculated and ended up with two very wide ones. Well… that’s fine too.
– The neckline is a bit wide. That’s not exactly period. Dresses in this time used to be very close to the neck -hence the keyhole neckline- and now I ended up with my underdress peeking out at the shoulder.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ist kein Weltuntergang, kann man auch so lassen, aber beim nächsten Mal passe ich besser auf!
It’s not the end of the world but I will pay more attention next time.

Das Fazit: große Liebe! Der Stoff ist ein Traum: leicht, toller Fall, leuchtende Farben und preislich sogar noch im Rahmen (32€/Lfm bei Einfachfärbung), das Kleid sitzt super bequem und die Farbe passt prima zu meinen Augen! (sagt ja keiner, dass man sich im Hobby nicht auch hübsch finden darf, richtig? 😉 )

Conclusion: big love! The fabric is to die for. Great draping, bright colour and actually reasonably priced (32€/meter in single-dye) the dress fits just right is comfy and matches my eyes! (Nobody said you can’t feel pretty in your garb, right? 😉 )

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Merken

Werbeanzeigen

Pimp my Hemd! Projekt Maschinennähte ausmerzen

Standard

Ein Freund bat mich, eins seiner Leinenhemden unzuarbeiten.
Das gute Stück stammt noch aus seinen Anfangszeiten als Reenactor, was sicherlich auch erklärt, warum er zugelassen hatte, dass das herrliche alte Bauernleinen mit der Nähmaschine bearbeitet wurde.

Sakrileg!

Also sollen diese Nähte jetzt aufgetrennt und von Hand wieder vernäht werden.

Auch einige “Designelemente“ sind nicht wirklich mittelalterlich und so knöpfe ich mir das gute Stück jetzt nach und nach vor.

Die Ausgangslage:

Das Material ist relativ grobes Bauernleinen mit schmaler Webbreite.
Genäht wurde mit braunem Nähgarn und die meisten Nähte sind mit hellgrauem Garn mit der Overlock versäubert.

   
Die Näherin hat an vielen Stellen versucht, die Webkanten zu nutzen, was gut ist. Denn da Handnähte mehr Material fressen als overlockversäuberte Maschinennähte bin ich froh um jeden Zentimeter, den ich nicht umnähen muss. Nicht, dass das Hemd nachher noch hauteng sitzt 😉
Der Schnitt ist -evtl auch wegen der Ausnutzung der Webkanten- etwas ungewöhnlich:


– gerade Vorder- und Rückenbahn mit Schulternaht
– keine Gehren
– dafür Schlitze sowohl vorne und hinten als auch an den Seiten.
– die seitlichen Schlitze sind nicht genau mittig sondern etwas nach hinten versetzt
– an den stark beanspruchten Stellen oben an den Reitschlitzen und unten am Halsschlitz hat mein Gruppenkollege selbst lederne Dreiecke als Verstärkung angenäht. Die werde ich wohl lassen.


– Das Hemd hat eine Art „Stehkragen“, den der Besitzer nachträglich mit einem kammgewebten Leinenband verstärkt hat

– Ärmel ganz leicht nach unten verjüngt, keine Ärmelkeile. in Webbreite gefertig. Nach moderner Art mit der Naht auf der Unterseite eingesetzt

Der Plan:

Die Ärmel werde ich auslösen, die Naht auftrennen, von Hand neu schließen und die Ärmel wieder einsetzen. Ansonsten werde ich das Hemd aber in einem Stück lassen und eine Naht nach der anderen auftrennen und neu zunähen.

Statt wie bei meinen bisherigen mittelalterlichen Nähereien die Nahtzugaben zu beiden Seiten umzuklappen und mit Überwendlingstichen zu versäubern haben ich mich für die materialsparendere und viel haltbarere halbe Kappnaht entschieden. Diese ist durchaus durch Funde belegt und für dieses Projekt viel sinnvoller.
Wenn die zu versäubernde Kante eine Webkante ist, muss ich sie nur einmal umschlagen, was wiederum Material spart.

Halbe Kappnaht: Längere und kürzere Nahtzugabe zu einer Seite umschlagen, Längere Nahtzugabe unter die kürzere schlagen.

Halbe Kappnaht versäubert mit Überwendlingstichen

Nahtzugabe mit Webkante ohne weiteren Umschlag über kürzere Nahtzugabe geklappt und mit Überwendlingstichen angenäht

Die Lederdreiecke werde ich drinlassen. Die sind schon ein paarmal mitgewaschen worden und sind eine enge Bindung zu diesem Kleidungsstück eingegangen 😉
Allerdings erlaube ich mir, die Ärmel zu drehen. Wenn ich schon den „A-Faktor“ des Hemdes heben soll, dann setze ich auch die Naht -hochmittelalterlich korrekt- nach hinten!

Erste Erfolge:

Der erste Ärmel ist neu vernäht und schon wieder mit der Naht nach hinten in das Hemd eingefügt. Dabei habe ich festgestellt, dass die Näherin auch noch Abnäher (gabs im Hochmittelalter noch nicht – und schon gar nicht an einem Unterhemd) angebracht hat. Diese habe ich aufgetrennt. Sie machten dort eh nicht so ganz viel Sinn 😉

Ärmel mit Maschinennaht
 
Ärmel nach der Änderung mit Handnaht

Bin mal gespannt, wie das am Ende aussieht. Ich werde weiter berichten!