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Pinata-Steckbrief – Unterkleid

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier.

Unterkleid
–> Blogartikel
–> erste Änderung
–> Änderung zum Stillen

Material: Leinen, weiß, weißes Leinengarn.
Schnitt: siehe Blogartikel. Knöchellang. rechteckige Vorder- und Rückenbahn, Ärmel ohne Zwickel oder Ärmalkugel, Seitengehren, Ausschnitt zum Stillen bis Bauchnabel verlängert
Quelle: für das grundsätzliche Kleidungsstück: „Machen alle so“. Für den Stillschlitz:
stillen01_tn Diese Abbildung aus einem Österreichischen Psalter ( cod. 1898; fol 179v 1295-1300)

Bekannte Schwächen:
– ich hatte schon öfter die Diskussion darüber, wie „posh“ weißes, also gebleichtes, Leinen ist, und ob ungebleichtes nicht angebrachter wäre.
– die Nähte sind ziemlich grob
– ich habe so aus dem Hut keinen genauen Beleg für ein Frauen-Unterkleid. Weißes Leinenunterkleid ja, aber nicht exakt für den Schnitt.

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Ganz in weiß…

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Was viele bestimmt nicht wissen: ich habe eine geheime „Handarbeits- Bucketlist“ von Handarbeiten, die ich in diesem Leben unbedingt noch zumindest mal ausprobieren will.

Schon immer mit auf der Liste stand die Weißstickerei, also das Verzieren von weißen (Leinen-)wäschestücken, Tischdecken etc. mit Stickerei Ton in Ton und Durchbruchsmustern/Hohlsäumen etc. Die klassische Aussteuer-Stickerei eben 😉

Da meine Familie mich nicht nur kennt sondern auch sehr liebt, habe ich zu Weihnachten neben anderen wundervollen Sachen auch ein neues gewichtiges Stück Lektüre bekommen:

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Die „Eyklopädie der weiblichen Handarbeiten“ von Thérèse de Dillmont.
Dieses Standardwerk von 1893 beinhaltet eine große Auswahl von verschiedenen Handarbeiten mit Anleitungen und Zeichnungen. Und ich darf jetzt eine wunderschöne Faximileausgabe mein Eigen nennen. 🙂
Unter anderem findet sich hier auch ein ausführliches Kapitel zur Weißstickerei.

Also habe ich mir meine Stickrahmen (aus längst vergangenen Zeiten der Kreuzstichstickerei mit Oma), ein Stück Leinen und weißes Leinengarn geschnappt (beides habe ich ja -Mittealter sei Dank- in ausreichender Menge vorrätig) und losgelegt.
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Beim Sticken generell und bei der Weißstickerei im Besonderen muss man sehr sorgfältig arbeiten. Damit dürfte jedem, der mich kennt klar sein, dass das eigentlich nichts für mich ist 😉
Eine erste Reihe Languettenstich sah dann auch gar nicht so schlecht aus. hier konnte ich tatsächlich Fäden zählen und blieb damit einigermaßen gerade und gleichmäßig. Hier habe ich übrigens auf den Stickrahmen verzichtet. Das ging über den Zeigefinger gelegt viel besser.
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Die zweite Reihe im „geraden Stielstich“ war da schon schwieriger und deutlich unruhiger.
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Der „gewundene Knötchenstich“ war wieder einfacher aber nicht so richtig effektvoll. Ich vermute, dass hier das Garn zu dünn war.
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Dann fing ich das erste Mal an, an mir zu zweifeln: der Wickelstich war aber so was von schief gewickelt 😦
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Also las ich die Anleitung noch einmal gründlicher, verglich mit den Zeichnungen, und wechselte dann noch die Nadel. Ich hatte bis dahin mit meiner historischen Messingsnadel gearbeitet. Deren Öhr ist aber zu dick um die Windungen vernünftig von der Nadel zu schieben. Mit einer glatteren modernen Nadel ging es dann viel besser.
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Der Rest war Übung!
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Die „Stäbchenleiter“ hat mich nicht wirklich überzeugt, aber ich glaube, da stimmten auch die Größenverhältnisse und die Garndicke nicht. Die ganze Sache hätte kleiner und dichter sein müssen.
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Richtig gut gefallen haben mir die „geschlungenen Bögen“. hier habe ich das erste Mal mir der Garnstärke gespielt. nach den ersten Versuchen, die mich nicht wirklich überzeugt hatten, habe ich das Garn doppelt genommen. Schon besser! 🙂
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Jetzt kam der Teil, auf den ich mich gefreut hatte: erste Durchbrucharbeiten.Verschiedene Versuche von Bindlöchern und Schattenbindlöchern brachten SEHR verschiedene Ergebnisse.
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(Merke: Garn dick genug wählen, Löcher sehr klein machen, gut vorzeichnen und erst nach dem Sticken ausschneiden.

So weit zu meinem ersten Weißstickerei-Versuch! Der Probelappen ist noch nicht voll, ich were also noch ein paar verschiedene Sachen ausprobieren. Das nächste Teststück bekommt dann Hohlsäume!

Schrödingers Unterbuxe: Frauenbruche

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Wenn man und insbesondere frau nach Belegen für ein neues Gewandungsteil sucht, wird dabei außer Bodenfunden zum großen Teil auf Abbildungen zurück gegriffen.
Man staunt, welche Details man auf zeitgenössischen Buchmalereien finden kann.
Allerdings gibt es eine deutliche Lücke:
Kein Mensch weiß, ob oder was Damen unter dem Kleid trugen.
Im streng moralischen Hochmittelalter kann frau schon von Glück reden, wenn sie unter dem hochgerafften Rocksaum einer Feldarbeiterin den Ansatz von Strümpfen erkennen kann, oder die Schlupfärmel eines Kleides klar machen, dass darunter ein weißes Unterkleid getragen wurde.
Auf diese Unterbekleidungsteile hat man sich in der Szene weitgehend geeinigt: leinenes Unterkleid und genaalte oder genähte Strümpfe. Für das Spätmittelalter gibt es sogar einen Fund von einer Art BH, der auf Schloß Lengberg in Österreich entdeckt wurde.
Was aber nirgendwo Erwähnung oder gar Abbildung findet, ist eine irgendwie geartete Art Unterhose.
Die verbreitetste Meinung ist, dass Frauen gar keine trugen. Das ist in einem gewissen Rahmen vorstellbar und spätestens, wenn man mal versucht hat, Unterkleid, Kleid, lange Cappa und modernen Schlüpfer in einer Dixi-Kabine zu jonglieren, kann man dem auch gewiss Vorzüge abgewinnen. 😉
Spätestens aber, wenn es zur Frage der Monatshygiene kommt, dürfte klar sein, dass auch Frauen im Mittelalter irgendeine Art Unterwäsche geetragen haben werden.
Genau so klar erscheint aber auch, dass kein Buchmaler diese ‚Unaussprechlichen‘ verewigt und kein Chronist darüber geschrieben hat.

Also hatten Frauen im Hochmittelalter wohl Unterhosen…und sie hatten keine…Höre ich Sie da kichern, Herr Schrödinger?

In den meisten Fällen hat dieses Problem auf meine Reenactment-Darstellung keine Auswirkung. Ich trage unter der Gewandung moderne Unterwäsche und werde das auch nicht ändern.
Allerdings stellt sich mir ein ganz anderes Problem:
Chub Rub, Wolf, …kurz gesagt: schmerzhafte Scheuerstellen da, wo die nackten Oberschenkel aneinander reiben. Das Problem habe ich im Sommer auch unter modernen Röcken und das Internet bietet von dünnen Hosen zum drunter ziehen über Gleitmittel und Puder eine Menge Lösungen dafür.

Auf einer Veranstaltung hatte eine Bekannte eine viel coolere Idee: Sie wollte sich nach dem Vorbild der im Hochmittelalter üblichen Männer-Unterhosen eine Bruche schneidern.

Die Idee fand ich fantastisch und habe mich gleich daran gemacht.
Es gibt in der Hauptsache zwei Varianten davon, wie diese Bruchen geschnitten sind.
Ich habe mich für den so genannten Thursfield-Schnitt entschieden.
Der ist unglaublich simpel. Die Bruche besteht im Grunde aus einem langen Stofftunnel, dessen eine lange Seite bis auf eine Öffnung in der Mitte zugenäht wird.
Eingesetzte Keile geben etwas mehr Weite und in die Öffnung wird ein Tunnelzug eingearbeitet.

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Meine Maße waren: 1,00m x 1,10m. Dazu zwei Dreiecke mit etwa 25cm Kantenlänge.
Im Nachgang denke ich, ich hätte etwas großzügiger sein können. Ich musste eine Art Hosenschlitz einarbeiten, damit ich problemlos rein komme…
Als Gürtel/Band habe ein eine geflochtene Kordel aus pflanzengefärbtem Wollgarn genommen, die gerne etwas kürzer hätte ausfallen können.
Angezogen und geschnürt sieht das ganze dann so aus:
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Als ein letzter Schritt wird noch der Bund ein paar mal über den Gürtel gekrempelt. Dann sitzt alles etwas straffer und der böse Wolf hat keine Chance 🙂
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Hot as Hell oder etwa nicht? 😉

Ich war etwas besorgt, ob der dick gekrempelte Bund nicht aufträgt, aber unter Unterkleid und Cotte sieht man das gar nicht durch.

Ich habe dieses Jahr nur noch eine Veranstaltung, auf der sie sich in der Praxis bewähren kann, aber ich sehe der nächsten Sommersaison gelassen entgegen 🙂

Fertiggestellt: Pimp my Leinenhemd

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Der erste Teil dieses Projekts ist hier zu finden.
Ein Freund hatte mich gebeten, mich einer „Jugendsünde“ aus seiner Anfangszeit als Reenactor zu widmen:
Ein Leinenhemd, dass von einer Näherin sehr fachkundig aber überhaupt nicht authentisch mit der Nähmaschine genäht wurde.
Ich habe die Maschinennähte Stück für Stück in Handnähte verwandelt und dabei gleich einige Designelemente ausgemerzt, die mal so gar nicht mittelalterlich waren. 🙂

Das Gesamtbild Vorher- Nachher:

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Der Kragen:
Vorher ein Stehkragen mit Haken und Öse, der mit einem kammgewebten Band verstärkt wurde. Der Ausschnitt ging sehr weit hinunter.
Hinterher ein einfacher runder Ausschnitt mit kurzem Schlitz.

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Den overlockversäuberten Saum habe ich kurzerhand abgeschnitten, anstatt mich mit der Auftrennerei aufzuhalten und dann den Saum doppelt umgenäht.

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Weil ich den Brustschlitz ohnehin weiter geschlossen habe, habe ich die Lederdreiecke entfernt. Ich bin gespannt, ob sich die Verfärbung noch rausbleicht.

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Und so wird aus einem Gromi-Alptraum ein Leinenhemd, dass sich auch auf ernstzunehmenden Veranstaltungen sehen lassen kann. 🙂

Aufatmen: Unterkleid erweitert

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Viele werden das Phänomen kennen: nach dem langen Winter zieht man frohgemut ein sommerliches Kleidungsstück wieder an und…das ist hinterrücks beim im-Schrank-liegen eingelaufen! Anders ist schließlich nicht zu erklären, warum das plötzlich hier spannt und da zwickt, wo es doch vor einem halben Jahr noch hervorragend gepasst hat! *hust*

Maybe you are familiar with this phenomenon: winter is over and when you put on one of those summer-garments it suddenly has…shrinked! Just by laying in the closet! How else would xou explain the suddenly waayy too tight clothes that used to fit just fine before the winter? *cough*

Wenn das dann bei der mühsam handgenähten Mittelalter-Gewandung passiert, ist das natürlich doppelt ärgerlich.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: mein Unterkleid saß schon immer etwas…körpernah:

Things like that are extra irritating if it happens to those carefully handsewn medieval garments.
To be honest: my underdress has always been an bit of a tight fit:

2014: 20140506_001148-1

So langsam ging es dann aber gar nicht mehr. An den Hüften gerade noch zu verschmerzen, aber da ich nicht vorhatte, eine platte Schnürbrust à la Spanien um 1600 darzustellen, musste ich mir doch etwas Luft verschaffen. *uff*

A year later it really didn’t fit anymore. The hips where no longer the worst problem, but taking a deep breath became more and more challanging. So I had to to something.

Das schöne an den simplen HoMi-Schnitten ist: sie sind relativ leicht zu ändern.
Bisher begannen die Gehren etwa auf Taillenhöhe.
The nice thing about high-medieval patterns is that they are simple and thus easy to change.
So far the gores where inserted at waist-height.

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Was ich jetzt gemacht habe war das folgende:

  1. Gehren raustrennen
  2. Seitennaht bis zur Achsel auftrennen
  3. Gehren direkt unter dem Arm wieder einsetzen
  4. unten entstandene Lücke mit zugeschnittenen Leinenstücken füllen

What I did was:

  1. detach the gores
  2. open the seam all the way up to the armpit
  3. insert gores in armpit
  4. fill the gap with a cut-to-fit piece of linen

1. die Gehren raustrennen. Da die Nahtzugaben zu beiden Seiten umgenäht waren, reichte nach einem kurzen Schnitt ein beherzter Riss.
1. detach the gores. Because I had folded the seam allowence to eather side, I now only needed to courageously rip the seam.

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2. die Naht bis zum Ärmel auftrennen
2. open the seam all the way up to the armpit
3. die Gehren direkt unter dem Arm wieder einsetzen. Ich habe die Versäuberten Nähte intakt gelassen und nur Kante an Kante genäht
3. re-insert the gores right in the armpit. I left the hems as they where and youst sew edge to edge
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4. die Lücke mit einem neuen Leinenstück füllen. Da das Unterkleid keiner sieht, lässt sich so ein Flickwerk prima machen. Ich habe das Stück zugeschnitten, zuerst komplett gesäumt und dann so eingesetzt wie vorher schon die Gehren. So brauchte ich die Säume des alten Stücks nicht auftrennen.
4. Fill the gap. Because its underwear and no one will see, it’s not a big deal to just insert a patch. I cut the patch to size, hemmed the seams and then inserted as I did with the gores. So I didn’t have to unravel the old hems.
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Fertig! Man sieht zwar recht deutlich die angesetzten Stücke, aber es passt wieder, und ich brauche weder die Luft anzuhalten noch einen Schulöffel zu suchen, um rein oder raus zu kommen 😉
Done! You can see clearly where the new patches have been inserted, but now I wont need a shoehorn to get in or out 😉

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Pimp my Hemd! Projekt Maschinennähte ausmerzen

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Ein Freund bat mich, eins seiner Leinenhemden unzuarbeiten.
Das gute Stück stammt noch aus seinen Anfangszeiten als Reenactor, was sicherlich auch erklärt, warum er zugelassen hatte, dass das herrliche alte Bauernleinen mit der Nähmaschine bearbeitet wurde.

Sakrileg!

Also sollen diese Nähte jetzt aufgetrennt und von Hand wieder vernäht werden.

Auch einige “Designelemente“ sind nicht wirklich mittelalterlich und so knöpfe ich mir das gute Stück jetzt nach und nach vor.

Die Ausgangslage:

Das Material ist relativ grobes Bauernleinen mit schmaler Webbreite.
Genäht wurde mit braunem Nähgarn und die meisten Nähte sind mit hellgrauem Garn mit der Overlock versäubert.

   
Die Näherin hat an vielen Stellen versucht, die Webkanten zu nutzen, was gut ist. Denn da Handnähte mehr Material fressen als overlockversäuberte Maschinennähte bin ich froh um jeden Zentimeter, den ich nicht umnähen muss. Nicht, dass das Hemd nachher noch hauteng sitzt 😉
Der Schnitt ist -evtl auch wegen der Ausnutzung der Webkanten- etwas ungewöhnlich:


– gerade Vorder- und Rückenbahn mit Schulternaht
– keine Gehren
– dafür Schlitze sowohl vorne und hinten als auch an den Seiten.
– die seitlichen Schlitze sind nicht genau mittig sondern etwas nach hinten versetzt
– an den stark beanspruchten Stellen oben an den Reitschlitzen und unten am Halsschlitz hat mein Gruppenkollege selbst lederne Dreiecke als Verstärkung angenäht. Die werde ich wohl lassen.


– Das Hemd hat eine Art „Stehkragen“, den der Besitzer nachträglich mit einem kammgewebten Leinenband verstärkt hat

– Ärmel ganz leicht nach unten verjüngt, keine Ärmelkeile. in Webbreite gefertig. Nach moderner Art mit der Naht auf der Unterseite eingesetzt

Der Plan:

Die Ärmel werde ich auslösen, die Naht auftrennen, von Hand neu schließen und die Ärmel wieder einsetzen. Ansonsten werde ich das Hemd aber in einem Stück lassen und eine Naht nach der anderen auftrennen und neu zunähen.

Statt wie bei meinen bisherigen mittelalterlichen Nähereien die Nahtzugaben zu beiden Seiten umzuklappen und mit Überwendlingstichen zu versäubern haben ich mich für die materialsparendere und viel haltbarere halbe Kappnaht entschieden. Diese ist durchaus durch Funde belegt und für dieses Projekt viel sinnvoller.
Wenn die zu versäubernde Kante eine Webkante ist, muss ich sie nur einmal umschlagen, was wiederum Material spart.

Halbe Kappnaht: Längere und kürzere Nahtzugabe zu einer Seite umschlagen, Längere Nahtzugabe unter die kürzere schlagen.

Halbe Kappnaht versäubert mit Überwendlingstichen

Nahtzugabe mit Webkante ohne weiteren Umschlag über kürzere Nahtzugabe geklappt und mit Überwendlingstichen angenäht

Die Lederdreiecke werde ich drinlassen. Die sind schon ein paarmal mitgewaschen worden und sind eine enge Bindung zu diesem Kleidungsstück eingegangen 😉
Allerdings erlaube ich mir, die Ärmel zu drehen. Wenn ich schon den „A-Faktor“ des Hemdes heben soll, dann setze ich auch die Naht -hochmittelalterlich korrekt- nach hinten!

Erste Erfolge:

Der erste Ärmel ist neu vernäht und schon wieder mit der Naht nach hinten in das Hemd eingefügt. Dabei habe ich festgestellt, dass die Näherin auch noch Abnäher (gabs im Hochmittelalter noch nicht – und schon gar nicht an einem Unterhemd) angebracht hat. Diese habe ich aufgetrennt. Sie machten dort eh nicht so ganz viel Sinn 😉

Ärmel mit Maschinennaht
 
Ärmel nach der Änderung mit Handnaht

Bin mal gespannt, wie das am Ende aussieht. Ich werde weiter berichten!

Kopfputz!

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Meine erste Mittelaltergewandung geht langsam aber sicher ihrer Vollendung entgegen!

Ok, das war gelogen. So ein Projekt ist nie wirklich beendet und eine Gewandung nie wirklich vollendet, soviel habe ich über dieses Hobby mittlerweile gelernt 😉
Aber mittlerweile habe ich fast alle Teile beisammen, die frau braucht, um für’s beginnende 14. Jhd vernünftig angezogen zu sein.
Neben dem Unterkleid und der Cotte sind das Strümpfe (in diesem Fall aus Wollstoff genäht), Gürtel und Schuhe (die konnte ich nicht selber machen, aber ich habe sie!) und vor allem: was auf’m Kopp.
Als nicht mehr ganz taufrische „Thirtysomething“, die mit allergrößter Wahrscheinlichkeit verheiratet war, wäre ich um 1300 niemals nicht mit unbedecktem Haar aus dem Haus gegangen. Das war zum einen dem Schutz der Haare vor Schmutz und Staub, zum anderen der Sittenstrenge des katholischen Hochmittelalters geschuldet.

Kopfbedeckungen für die Frau gab es in vielerlei Ausführungen und es wurde von berufenerer Stelle¹ schon viel darüber geschrieben, darum will ich mich jetzt hier nicht darüber verbreiten. Viel lieber stelle ich statt dessen meinen persönlichen Kopfputz für alle Gelegenheiten vor!

Material:

Alle hier vorgestellten Kopfbedeckungen habe ich aus leichtem weißen Leinenstoff genäht, den ich bei einem Stoffgroßhändler in Berlin erstanden habe.
Leider musste ich feststellen, dass meine übliche Taktik, herausgezogene Kettfäden aus dem Stoff als Nähfaden zu verwenden, hier nicht funktioniert hat. Die Fäden sind andauernd gerissen und die Naht machte keinen wirklich stabilen Eindruck.
Von meinem Untergewand hatte ich noch weißes Leinengarn übrig, dass aber für den feineren Stoff des Kopftuches viel zu stark und bockig war. Darum habe ich jeweils eine Länge Nähfaden abgeschnitten und aufgespleißt. Das Garn ist 6fach verzwirnt, so dass ich nun zwei 3fädige Fäden hatte. Das passte viel besser und ließ sich wunderbar verarbeiten.

Techniken:

Da alle drei Teile im Grunde nur Tücher mit mehr oder weniger simplem Zuschnitt sind, braucht es keine großen Nähfähigkeiten. Sie werden nur zugeschnitten und -von Hand- gesäumt.
Zum Säumen habe ich mich zum ersten mal an einem Rollsaum versucht. Hier ist die hohe Knitteranfälligkeit von Leinenstoff mal ein wirklicher Vorteil: Wenn man die Stoffkante zwischen den Fingern einrollt (geht am besten mit ganz leicht befeuchteten Fingern), bleibt der Stoff nahezu in dieser Position und man spart sich die Verwendung von Stecknadeln.

Einfach und praktisch: das Kopftuch

Als Gattin eines Handwerkers in der jungen Stadt Berlin gab es eine Menge Arbeit in Haus und Werkstatt. Die Kopfbedeckung für den Alltag musste daher vor allem eins sein: praktisch.
Ein Kopftuch schützt das Haar vor Staub und Dreck, verhindert, dass sich lösende Strähnen ins Gesicht fallen und bedeckt außerdem ausreichen züchtig die Haarpracht.
Es ist schnell umgebunden, frau braucht weder Nadeln noch Schapel oder ähnliche Fummelei und das ungefärbte Leinen kann zum Waschen problemlos ausgekocht werden.
Größe, Schnitt und Bindeweise des Kopftuches können sich erheblich unterscheiden. ich habe mich für einen einfachen dreieckigen Zuschnitt entschieden.
Die lange Seite ist ziemlich genau einen Meter lang, die Höhe zur Spitze beträgt 68cm.
Gebunden ist es wie gesagt sehr fix: mit der langen Seite zur Stirn auf den Kopf legen, dabei den Saum ein wenig umschlagen. die Enden im Nacken knoten, wieder nach vorne führen (dabei leicht eindrehen), kreuzen und unter den entstandenen Wulst stecken.


Die Ecke, die im Nacken hängt wird unter den Dutt bzw. den Knoten gesteckt.
Wie gesagt: es gibt dutzende Arten, ein Kopftuch zu binden. Diese gefällt mir, weil sie schnell geht, gut hält und durch den umgeschlagenen Rand mit den drunter gestopften Spitzen nicht so sehr nach „Piratenkopftuch“ aussieht. Ist einfach etwas lockerer von der Optik. Außerdem gibt es so keine Spitzen, die einem vor der Nase baumeln können, wenn man sich nach vorne beugt.

Darfs etwas züchtiger sein? Der Wimpel

Im Gegesatz zum Kopftuch bedeckt der Wimpel nicht nur das Haar sondern den ganzen Kopf inklusive Hals und -je nach Schnitt- das Décolleté, so dass nur das Gesicht frei bleibt.
Das ist auf der einen Seite natürlich noch viel züchtiger und anständiger als ein einfaches Tuch. Auf der anderen Seite wärmt die größere Stoffmenge auch 😉

Nach dieser Anleitung von Tempora Nostra habe ich einen Wimpel wie unter „Wimpel Variante 2“ zugeschnitten.
Das ganze Ding ist 170cm lang, an der breiten Seite 43cm hoch und läuft -abweichend vom TN-Schnitt- ab etwa 63cm komplett spitz aus.

Mit dem Wimpel bin ich noch nicht ganz zufrieden. Entweder ist er etwas knapp bemaßt, ich noch zu ungeübt im Wickeln oder ich muss mir eine andere Frisur darunter überlegen. Jedenfall finde ich ihn etwas knapp. Insbesondere am Hals ist bei mir deutlich weniger Stoff als auf der Abbildung von Tempora Nostra. (Auf dem Bild seiht man auch, dass mir die Ecke auf der linken Seite am Kinn rausgerutscht ist.)
Ich werde noch ein bisschen üben und mal mit unterschiedlichen Frisuren experimentieren, vielleicht gibt sich das dann.
(Bei allen hier gezeigten Fotos hatte ich meine -taillenlangen- Haare im Nacken zu einem Knoten (Winding Bun) geschlungen und mit einem kurzen Stab festgesteckt.)

Eher ein Kombi-Teil: Der Schleier

Während der Schleier von besseren Gesellschaftschichten auch ’solo‘, gehalten von Nadeln oder Schapel, getragen wurde, würde ich bei einer Handwerkerin eher darauf setzen, dass er in Kombination mit einem Wimpel oder sogar einem Gebende getragen wurde.
Ich verwende ihn zusammen mit dem Wimpel, weil der mir alleine optisch einfach nicht so richtig gut gefällt. Das Zusammenspiel von Wimpel und Schleier ist schon ziemlich anständig, schmeichelt dem Gesicht durch den weicheren Fall aber deutlich mehr als der reine -ziemlich strenge- Wimpel, finde ich.
(Und niemand hat gesagt, dass ich mich in Gewandung nicht auch schick fühlen darf, richtig? 😉 )


Schleier konnten rechteckig, (halb-)rund oder (halb-)oval sein. Wegen des schöneren Falls habe ich mich für letztere Variante entschieden.
Die gerade Seite misst 100cm, an der höchsten Stelle der Rundung sind es etwa 62cm.
Der Schleier wird mit der gearden Seite richtung Stirn auf den Kopf gelegt, eventuell etwas eingeklappt, um sich besser dem Kopf anzupassen, und dann mit Nadeln festgesteckt. ich verwende momentan noch möglichst unauffällige moderne Stecknadeln, möchte mir aber noch originalgetreue Gebende-/Schleiernadeln aus Messing zulegen.

 

¹zum Beispiel :
http://www.tempora-nostra.de/kopfbedeckungen_frauen.shtml  (guter Überblick über versch. Formen, inklusive Abbildungen, Quellen und Anleitungen)
http://wh1350.at/literatur-und-quellen/kopftuecher-haarsaecke-und-hauben/  (Tolle Quellensammlung zu Abbildungen von Kopfbedeckungen!)