Baby- und Kinderkleidung fürs Mittelalter

Standard

PROLOG:
*Die innere A-Päpstin macht sich ne Flasche Wein auf und verlässt kopfschüttelnd den Raum*

 

Wer meinem Blog oder meiner Facebookseite schon eine Weile folgt, der weiß, dass es mein erklärtes Ziel ist, mich in meiner Darstellung so nah wie es irgendwie geht an das historische Original anzunähern. Das wird unterstützt und widergespiegelt vom Kitguide meiner Mittelaltergrupe „Die Brandenburgunder“. Bei meiner eigenen Ausrüstung lasse ich kein „Das ist aber bequemer“ oder „Das könnte so gewesen sein“ gelten. Moderne Unterwäsche ist mein einziges Zugeständnis an moderne Standards.

Anders sieht das aus bei der Kleidung und Ausrüstung meines Sohnes (geboren im Januar 2017 und zur Zeit fast anderthalb)
„A ist ein Prozess“ stimmt immer; die Ausrüstung ist nie fertig und eigentlich nie gut genug, aber wenn es um den Drachentöter geht, gestatte ich mir doch ein etwas langsameres Reisetempo auf dem Weg zum großen A.

Wie sollte es denn eigentlich sein?

Unter einem Jahr bzw vor dem Laufalter hätte ich den Kleinen wohl in mehr oder weniger kunstvoll gewickelte Leinentücher und -streifen binden müssen. Dieses „Pucken“ wird zwar heute auch noch/wieder gemacht, allerdings nur kurz, mit weicheren Materialien und unter Berücksichtigung der Kindlichen Physiologie. Der Drachentöter hätte mir was gehustet, wenn ich ihn mit 3 Monaten eingewickelt wie eine Mini-Mumie durchs Museumsdorf geschleppt hätte! 😉

psalter, France 13th century (Aix-en-Provence, Bibliothèque municipale, ms. 15, fol. IXr)

Bible moralisée – Biblia historica-allegorica iconologica Veteris Testamenti cum textu marginali gallico. 2. Viertel 13. Jhdt. (1225-1249) Cod. 2554 Folio 10

Hier musste ich also zum ersten mal Abstriche an der Authentizität machen, um Sicherheit und ein Stück weit Bequemlichkeit in den Vordergrund zu stellen.
Kinder, die schon laufen können (aber auch „Schoßkinder“), tragen auf Abbildungen meist das gleiche wie die Erwachsenen. Einfache Wollkittel, teilweise ohne Gürtel.

Bible, MS M.969 fol. 126r Dieses Bild könnten der Drachentöter und ich glatt nachstellen! 🙂

Kreuzfahrerbibel Fol. 19r

Kreuzfahrerbibel, Fol. 15v (Detail)

Darunter ein Leinenhemd, oftmals auch nur das Hemdchen. Manche tragen Schuhe, oft sind Kinder aber auch barfuß dargestellt

Mein Ansatz war es also, einfach im Alter etwas vorzugreifen und dem Kleinen als Kompromiss Kleidung anzuziehen, die er im 13. Jahrhundert wohl erst angehabt hätte, wenn er etwas älter gewesen wäre.


Die erste Garderobe (Frühling): bequem, praktisch, richtige Materialien, aber ansonsten eher nicht so A 😉

Bei unseren ersten Ausflügen ins Mittelalter war der Drachentöter 3 Monate alt und eher…ambientig als authentisch angezogen:
Ich hatte gebraucht ein Leinenhemd und eine dünne Wolltunika erstanden. Beides Handgenäht und clevererweise als Wickelhemd konzipiert, so dass ich dem Winzling nicht die unelastischen Ärmel vom Kopf her anziehen musste.
So weit ich weiß, gibt es für diese Art Kinderkittel keinerlei Beleg.

Es war immerhin

– aus belegbaren Materialien (Wolle und Leinen)
– handgenäht
– pflanzengefärbt


Allerdings war der Drachentöter für diese Art Kleidung eigentlich zu jung und der Schnitt wie gesagt nicht belegt.
Als zusätzliche wärmende Schicht (es war erst April) hatte ich noch eine Art kleinen Surcot genäht. Dieser ärmellose Kittel hatte eine Cotte werden sollen, aber die Ärmel waren viel zu eng geraten und so habe ich sie einfach entfernt und die Armlöcher vergrößert.


Auf dem Kopf hatte er eine moderne Wolle-Seide-Mütze und drunter einen Wolle-Seide-Body und eine naturfarbene Wollstrumpfhose.
Es stimmten also wieder die Materialien, aber sonst eigentlich nicht viel 😉

 

Zweiter Versuch (Sommer) weniger ist mehr

Als wir im August 2017 auf dem Gelände des Klosters Jerichow zu Hochmittaltertreffen lagerten, war der Drachentöter fast 7 Monate alt und aus den Sachen vom Frühjahr zum großen Teil raus gewachsen.
Ich hatte ein neues Hemdchen aus Leinen genäht und mich dabei am Schnitt des gebraucht gekauften Wickelhemdchens orientiert. Der blaue Surcot passte auch noch, wenn es mal etwas kühler würde. Drunter waren diesmal weiße Baumwollbodys und ggf eine Wollstrumpfhose.
Schon hier fiel auf: weniger ist mehr: je weniger er anhat, umso authentischer ist es eigentlich.

Dritte Variante (Winter) : es gar nicht erst versuchen oder: Das Tarnkäppchen

Die nächste Gelegenheit, zu der ich den Kleinen mit „ins Mittelalter“ genommen habe, waren Besuche im Museumsdorf Düppel im Winter. Aus den Sachen vom Sommer war er zum einen längst rausgewachsen, zum anderen waren sie viel zu luftig für winterliche Temperaturen.
Im Winter 2017/-18 war der Drachentöter noch ein Krabbelkind und da ich nicht vorhatte, ihn auf dem kalten und evtl matschigen Boden viel herumkrabbeln zu lassen, würde er die meiste Zeit ohnehin bei mir im Tragetuch und unter meinem Mantel verbringen und man würde nicht viel von ihm sehen. Ich entschied mich darum dafür, keine neue Kleidung zu nähen (die dann im Sommer, wenn sie wirklich uzm Einsatz käme, wahrscheinlich gar nicht mehr passen würde), sondern ihn ganz bewusst in seinen modernen Wollplüschanzug zu kleiden, dicke nadelgebundene Socken an die Füße zu ziehen und gar nicht erst so zu tun, als trüge er athentische Kleidung.
Eines konnte ich mir jedoch nicht verkneifen:
Eine kleine Gugel aus pflanzengefärbtem Wollstoff. Es gibt ein paar Belege für Kindergugeln.

The Luttrell Psalter, British Library Add MS 42130 (medieval manuscript,1325-1340), f53r

Meist sehen die eher nach Kapuzen aus, aber diese größere Variante hielt ihn schön warm, sah auf Fotos und von weitem immerhin ambientig aus und war -ist ja auch nicht ganz unwichtig- einfach zuckersüß 😉

Der zweite Sommer: das ist schon ganz gut!

In diesem Sommer nun hat sich einiges verändert: aus dem Minibaby wurde ein Krabbelkind und jetzt schon fast ein Laufkind. Man kann ihm auch nicht-dehnbare Ärmel anziehen, ohne Angst zu haben, einen Arm abzureißen und so habe ich mich von dem Konzept „Wickelhemd“ verabschiedet und ein einfaches Leinenhemdchen aus schönem weichem Leinen genäht.
Eine Cotte wollte ich auch noch machen, aber die Zeit drängte und zufällig hatte meine Lieblingsfärberin Manuela von Ovicula eine zu klein gewordene Cotte von ihren Töchtern zu verkaufen.
Also gab es zum Leinenhemdchen eine neue gebrauchte Cotte aus waidblauem Wollstoff. Ein bisschen zu lang ist sie noch (also schön zum rein wachsen), so dass ich auf halber Höhe einen großen Abnäher gemacht habe. Die Ärmel kremple ich einfach hoch.

Drunter ist immer noch ein weißer Body (und natürlich eine moderne Windel) aber das sieht man nicht. Auf Strumpfhose etc. habe ich diesen Sommer bisher verzichten können. Es war bei unseren Tagesausflügen zum Heerbann und zum Ritterfest in Düppel so warm, dass ich ihn irgendwann nur im Hemdchen gelassen habe.
Auf den Kopf sollte er eigentlich eine Bundhaube kriegen. Die erste war zu klein, da musste eine zum Kopftuch gebundene Mullwindel als Sonnenschutz herhalten.

Die zweite Haube passte besser, hatte aber anfangs noch keine Bindebänder (man kommt -wirklich- zu nichts mit einem kleinen Kind im Haus!) So sah es in Düppel noch eher nach „Frau Aantje“ als nach Drachentöter aus. Mittlerweile ist aber auch die Haube bebändselt 😉

Schuhe hat der Drachentöter noch gar keine. Er läuft noch nicht, sondern krabbelt fast ausschließlich. Und als Sohn einer Magd kann er problemlos barfuß bleiben.

Die aktuelle Ausstattung ist also
– handgenäht
– aus den richtigen Materialien
– pflanzengefärbt
– historisch schon deutlich näher an den Abbildungen, die man so findet (wobei da das Alter der Kinder oft schwer einzuschätzen ist)

 

Nicht mehr lange und der kleine Mann trägt Bruche und Beinlinge wie ein großer! 🙂

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