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Baby- und Kinderkleidung fürs Mittelalter

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PROLOG:
*Die innere A-Päpstin macht sich ne Flasche Wein auf und verlässt kopfschüttelnd den Raum*

 

Wer meinem Blog oder meiner Facebookseite schon eine Weile folgt, der weiß, dass es mein erklärtes Ziel ist, mich in meiner Darstellung so nah wie es irgendwie geht an das historische Original anzunähern. Das wird unterstützt und widergespiegelt vom Kitguide meiner Mittelaltergrupe „Die Brandenburgunder“. Bei meiner eigenen Ausrüstung lasse ich kein „Das ist aber bequemer“ oder „Das könnte so gewesen sein“ gelten. Moderne Unterwäsche ist mein einziges Zugeständnis an moderne Standards.

Anders sieht das aus bei der Kleidung und Ausrüstung meines Sohnes (geboren im Januar 2017 und zur Zeit fast anderthalb)
„A ist ein Prozess“ stimmt immer; die Ausrüstung ist nie fertig und eigentlich nie gut genug, aber wenn es um den Drachentöter geht, gestatte ich mir doch ein etwas langsameres Reisetempo auf dem Weg zum großen A.

Wie sollte es denn eigentlich sein?

Unter einem Jahr bzw vor dem Laufalter hätte ich den Kleinen wohl in mehr oder weniger kunstvoll gewickelte Leinentücher und -streifen binden müssen. Dieses „Pucken“ wird zwar heute auch noch/wieder gemacht, allerdings nur kurz, mit weicheren Materialien und unter Berücksichtigung der Kindlichen Physiologie. Der Drachentöter hätte mir was gehustet, wenn ich ihn mit 3 Monaten eingewickelt wie eine Mini-Mumie durchs Museumsdorf geschleppt hätte! 😉

psalter, France 13th century (Aix-en-Provence, Bibliothèque municipale, ms. 15, fol. IXr)

Bible moralisée – Biblia historica-allegorica iconologica Veteris Testamenti cum textu marginali gallico. 2. Viertel 13. Jhdt. (1225-1249) Cod. 2554 Folio 10

Hier musste ich also zum ersten mal Abstriche an der Authentizität machen, um Sicherheit und ein Stück weit Bequemlichkeit in den Vordergrund zu stellen.
Kinder, die schon laufen können (aber auch „Schoßkinder“), tragen auf Abbildungen meist das gleiche wie die Erwachsenen. Einfache Wollkittel, teilweise ohne Gürtel.

Bible, MS M.969 fol. 126r Dieses Bild könnten der Drachentöter und ich glatt nachstellen! 🙂

Kreuzfahrerbibel Fol. 19r

Kreuzfahrerbibel, Fol. 15v (Detail)

Darunter ein Leinenhemd, oftmals auch nur das Hemdchen. Manche tragen Schuhe, oft sind Kinder aber auch barfuß dargestellt

Mein Ansatz war es also, einfach im Alter etwas vorzugreifen und dem Kleinen als Kompromiss Kleidung anzuziehen, die er im 13. Jahrhundert wohl erst angehabt hätte, wenn er etwas älter gewesen wäre.


Die erste Garderobe (Frühling): bequem, praktisch, richtige Materialien, aber ansonsten eher nicht so A 😉

Bei unseren ersten Ausflügen ins Mittelalter war der Drachentöter 3 Monate alt und eher…ambientig als authentisch angezogen:
Ich hatte gebraucht ein Leinenhemd und eine dünne Wolltunika erstanden. Beides Handgenäht und clevererweise als Wickelhemd konzipiert, so dass ich dem Winzling nicht die unelastischen Ärmel vom Kopf her anziehen musste.
So weit ich weiß, gibt es für diese Art Kinderkittel keinerlei Beleg.

Es war immerhin

– aus belegbaren Materialien (Wolle und Leinen)
– handgenäht
– pflanzengefärbt


Allerdings war der Drachentöter für diese Art Kleidung eigentlich zu jung und der Schnitt wie gesagt nicht belegt.
Als zusätzliche wärmende Schicht (es war erst April) hatte ich noch eine Art kleinen Surcot genäht. Dieser ärmellose Kittel hatte eine Cotte werden sollen, aber die Ärmel waren viel zu eng geraten und so habe ich sie einfach entfernt und die Armlöcher vergrößert.


Auf dem Kopf hatte er eine moderne Wolle-Seide-Mütze und drunter einen Wolle-Seide-Body und eine naturfarbene Wollstrumpfhose.
Es stimmten also wieder die Materialien, aber sonst eigentlich nicht viel 😉

 

Zweiter Versuch (Sommer) weniger ist mehr

Als wir im August 2017 auf dem Gelände des Klosters Jerichow zu Hochmittaltertreffen lagerten, war der Drachentöter fast 7 Monate alt und aus den Sachen vom Frühjahr zum großen Teil raus gewachsen.
Ich hatte ein neues Hemdchen aus Leinen genäht und mich dabei am Schnitt des gebraucht gekauften Wickelhemdchens orientiert. Der blaue Surcot passte auch noch, wenn es mal etwas kühler würde. Drunter waren diesmal weiße Baumwollbodys und ggf eine Wollstrumpfhose.
Schon hier fiel auf: weniger ist mehr: je weniger er anhat, umso authentischer ist es eigentlich.

Dritte Variante (Winter) : es gar nicht erst versuchen oder: Das Tarnkäppchen

Die nächste Gelegenheit, zu der ich den Kleinen mit „ins Mittelalter“ genommen habe, waren Besuche im Museumsdorf Düppel im Winter. Aus den Sachen vom Sommer war er zum einen längst rausgewachsen, zum anderen waren sie viel zu luftig für winterliche Temperaturen.
Im Winter 2017/-18 war der Drachentöter noch ein Krabbelkind und da ich nicht vorhatte, ihn auf dem kalten und evtl matschigen Boden viel herumkrabbeln zu lassen, würde er die meiste Zeit ohnehin bei mir im Tragetuch und unter meinem Mantel verbringen und man würde nicht viel von ihm sehen. Ich entschied mich darum dafür, keine neue Kleidung zu nähen (die dann im Sommer, wenn sie wirklich uzm Einsatz käme, wahrscheinlich gar nicht mehr passen würde), sondern ihn ganz bewusst in seinen modernen Wollplüschanzug zu kleiden, dicke nadelgebundene Socken an die Füße zu ziehen und gar nicht erst so zu tun, als trüge er athentische Kleidung.
Eines konnte ich mir jedoch nicht verkneifen:
Eine kleine Gugel aus pflanzengefärbtem Wollstoff. Es gibt ein paar Belege für Kindergugeln.

The Luttrell Psalter, British Library Add MS 42130 (medieval manuscript,1325-1340), f53r

Meist sehen die eher nach Kapuzen aus, aber diese größere Variante hielt ihn schön warm, sah auf Fotos und von weitem immerhin ambientig aus und war -ist ja auch nicht ganz unwichtig- einfach zuckersüß 😉

Der zweite Sommer: das ist schon ganz gut!

In diesem Sommer nun hat sich einiges verändert: aus dem Minibaby wurde ein Krabbelkind und jetzt schon fast ein Laufkind. Man kann ihm auch nicht-dehnbare Ärmel anziehen, ohne Angst zu haben, einen Arm abzureißen und so habe ich mich von dem Konzept „Wickelhemd“ verabschiedet und ein einfaches Leinenhemdchen aus schönem weichem Leinen genäht.
Eine Cotte wollte ich auch noch machen, aber die Zeit drängte und zufällig hatte meine Lieblingsfärberin Manuela von Ovicula eine zu klein gewordene Cotte von ihren Töchtern zu verkaufen.
Also gab es zum Leinenhemdchen eine neue gebrauchte Cotte aus waidblauem Wollstoff. Ein bisschen zu lang ist sie noch (also schön zum rein wachsen), so dass ich auf halber Höhe einen großen Abnäher gemacht habe. Die Ärmel kremple ich einfach hoch.

Drunter ist immer noch ein weißer Body (und natürlich eine moderne Windel) aber das sieht man nicht. Auf Strumpfhose etc. habe ich diesen Sommer bisher verzichten können. Es war bei unseren Tagesausflügen zum Heerbann und zum Ritterfest in Düppel so warm, dass ich ihn irgendwann nur im Hemdchen gelassen habe.
Auf den Kopf sollte er eigentlich eine Bundhaube kriegen. Die erste war zu klein, da musste eine zum Kopftuch gebundene Mullwindel als Sonnenschutz herhalten.

Die zweite Haube passte besser, hatte aber anfangs noch keine Bindebänder (man kommt -wirklich- zu nichts mit einem kleinen Kind im Haus!) So sah es in Düppel noch eher nach „Frau Aantje“ als nach Drachentöter aus. Mittlerweile ist aber auch die Haube bebändselt 😉

Schuhe hat der Drachentöter noch gar keine. Er läuft noch nicht, sondern krabbelt fast ausschließlich. Und als Sohn einer Magd kann er problemlos barfuß bleiben.

Die aktuelle Ausstattung ist also
– handgenäht
– aus den richtigen Materialien
– pflanzengefärbt
– historisch schon deutlich näher an den Abbildungen, die man so findet (wobei da das Alter der Kinder oft schwer einzuschätzen ist)

 

Nicht mehr lange und der kleine Mann trägt Bruche und Beinlinge wie ein großer! 🙂

Hochmittelaltertreffen in Jerichow 2017

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Diese Woche war es wieder so weit:
Zum zweiten Mal fand in Jerichow (Sachsen-Anhalt) das Hochmittelaltertreffen statt.
This week, the second annual „Hochmittelaltertreffen“ (event for groups showing high medieval times) took place in Jerichow monastery.

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Leider mussten wir schon am Dienstag statt wie geplant am Freitag abbauen. Der Wetterdienst sagte Gewitter, Starkregen, Hagel, Sturmböen und andere meteorologische Schweinereien voraus, die wir nicht riskieren wollten. Schon gar nicht mit Baby im Zelt und ohne Möglichkeit, nasse Zelte hinterher vernünftig zu trocknen.
Unfortunately we had to prematurely end the event at tuesday (we planed on staying until friday) because the weather-forecast predicted thunderstorms, hail, heavy rains and other unpleasant things and we did not want to risk soaked tents (with no space to hang them to dry). Especially not with a baby in the camp.

Aber so lange wir da waren, war es sehr schön!
Das Kloster Jerichow ist einfach eine zauberhafte Kulisse und wir hatten wieder tolle Teilnehmer. Leider musste die wundervolle Steffi „Faervelin“ samt Mama und Tochter  aus Krankheitsgründen absagen. Ich hatte mich schon sehr auf ihren Dreimädelshaushalt gefreut!
Olaf von den Roetelincers war auch dieses Jahr wieder dabei und hat sogar seine Schmiede an der Klostermauer aufgebaut.
But it was nice as long as it lasted!
Jerichow Monaster is a beautiful place and we had great participants! We were so sorry to learn, that Steffi „Faervelin“ could not attend. I had looked foreward on meeting her and her mom and daughter!
Olaf from „Roetelincers“ was back and even brought his blacksmith-workshop which he installed next to the monastery wall.

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Zum ersten Mal dabei waren Carsten und Sonja von Creative Genius.
Die beiden stellen Chorherr und Chorfrau des Prämonstratenserordens dar.
Da das Kloster Jerichow ein Prämonstratenserkloster aus dem Hochmittelalter ist, war das für die beiden natürlich ein Heimspiel.
First-timers were Carsten and Sonja from Creative Genius.
They show a pater and sister from the Prämonstratenser-order which is awesome because that is the very order that used to live at Jerichow monastery.

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Für mich war dieses Lager eine Premiere in vielerlei Hinsicht. Zum einen war es das erste Lager mit Baby!
Der Minireenactor ist jetzt ein halbes Jahr alt und hat mit mir und seinem Papa auf einem kuscheligen Bodenlager im Zelt geschlafen.
Wir haben sogar das Experiment versucht, wie zu Hause mit Stoffwindeln zu wickeln, die dann natürlich zwischendurch gewaschen werden müssen.
Das funktioniert zwar, aber wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Aufwand es kostet, allein das Wasser zum Waschen warm zu machen, und dann muss man noch Glück mit dem Wetter haben, damit die ganze Geschichte wieder trocknet! Beim nächsten Mal werden wir wohl für die kurze Zeit auf Wegwerfwindeln umsteigen.
For me it was a lot of firsts. It was my first camp wth baby! Mini-Reenactor is now 6 months old and slept snug between mom and dad on a bed of blankets and sheep fur on the ground.
We even tried using cloth diapers as we do at home – which had to be washed of course. It can be done, but considering the efford necessary just to heat the water, we might switch to disposables next time ,-)

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Was sich sehr bewährt hat, war meine zum Stillen umgearbeitete Garderobe. Das tief geschlitzte Unterkleid und darüber das modifizierte Schlupfärmelkleid waren total praktisch und das Stillen völlig unkompliziert!
Something that worked really really nice was my garb modified for nursing. The Underdress with thee deep slit and the modified slip-sleeve-dress worked like a charm and nursing was absolutely no problem.

Außerdem war mein Liebster dieses Jahr zum ersten Mal mit im Mittelalter! Hauptsächlich, weil das fast unsere einzige gemeinsame Urlaubswoche ist, aber ein bisschen gefallen hat es ihm auch, glaube ich 🙂
Zumindest machen wir als Familie eine gute Figur, oder?
Another first: My partner was with me for the first time. Usually this is not our but my hobby, but we don’t have a lot of free time together so he decided to come along.
Looking good, don’t we? 🙂

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Dieses Bild musste ich unbedingt noch machen: Im August 2016 im 5. Monat schwanger und dieses Jahr mit 6 monatigem Baby auf dem Arm.
Wenn das Hochmittelaltertreffen nächstes Jahr wieder in Jerichow stattfindet, mache ich noch eines, auf dem er neben mir steht 😉
Und in 17-18 Jahren dann eins, auf dem ich zu ihm aufschauen muss 😀
I had to take this picture! Left: August 2016 while 5 month pregnant and on the right in August 2017 with 6 months old Baby on my arm.
I might take another one next year with him standing next to me!
And another one in 17-18 years with me havin gto look up to him 😉

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Trotz aller Unbill, Absagen, Krankheitsfälle, unkooperativen Verkehrsmitteln und gruseligen Wettervorhersagen: Jerichow war wie immer sehr sehr schön und hat großen Spaß gemacht!
Despite all cancellings, bad weather, cranky trains and other obstacles: Jerichow was as wonderful as always and great fun!

Pinata-Steckbrief Wollwimpel

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier.

Woll-Wimpel

–> Diskussion im http://www.Mittelalterforum.com über diesen Wimpel
Material:
Woll-Musselin/Etamine de Laine vom Färbehof. 80g/m². Naturweiß
Schnitt:  rechteckig, etwa 1,50m x 0,50m
Beleg: nur für die Form der Kopfbedeckung (z. Bsp. Bible Moralisée). Aus diesem Material aber bei jemandem abgeguckt und nicht hinterfragt.

Bekannte Schwächen:
– kein Beleg für Wolle als Material für einen Wimpel
– der Stoff ist sehr fein, wahrscheinlich zu fein für so eine einfache Darstellung?

Pinata-Steckbrief Nadelrolle

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier

Nadelrolle

–> Blogpost

Material:
Wollstoff, mit Birke gelb gefärbt (ein Reststück meiner Strümpfe)
ungefärbtes grobes Leinen
Wollgarn (pflanzengefärbt) in rot und grün

Quelle: gar keine. Aus rein praktischen Überlegungen gefertigt und bisher noch keine Zeit gefunden, eine belegbare Alternative zu suchen.

Bekannte Schwächen: siehe oben: kein Beleg. Denkbar wäre es zwar, Stoffreste für so etwas zu verwenden, aber das ist Theorie. Außerdem könnte die Stickerei etwas übertreiben sein, obwohl sie relativ grob und nur mit Wollgarn gemacht ist. Die Stickstiche sind auch nicht wirklich recherchiert. Die Ranken sind im Kettstich, die Blüten in einer Art Plattstich ziemlich frei Schnauze gemacht.

Pinata-Steckbrief grünes Schlupfärmelkleid

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier

Grünes Schlupfärmelkleid

–> Blogpost
–> mehr Fotos (mit noch teilweise unpassenden Accessoirs)
–> Umarbeitung zum Stillkleid

Material:
Wollköper, chemisch gefärbt. („feine birkengrüne Wolle“ von Naturtuche)

Schnitt: bequemes weites Schlupfärmelkleid. Seitengehren ab Armloch. Knapp bodenlang
Quelle: Schlupfärmelkleider finden sich unter anderem in der Maciejowski-Bibel, im Goslaer Evangeliar, der Bible moralisée und auf Relieffiguren am Straßburger Münster
bekannte Schwächen:
– Der Stoff ist nicht pflanzengefärbt.
– Außerdem gibt es eine Ungenauigkeit bei der Trageweise: Wenn ich die Ärmel ausziehe, stecke ich sie hinten in den Gürtel, damit sie nicht im Weg sind.
Auf allen(!) Abbildungen, die ich kenne, werden die Ärmel aber im Nacken bzw. auf dem Rücken verknotet edit: oder hängen einfach lose über den Rücken. Bei mir hält das nicht, außerdem finde ich es unpraktisch, auf meinem Rücken einen Knoten zu nesteln, wenn ich die Ärmel mit einem Griff hinter den Gürtel stecken könnte. Vielleicht ist der Schnitt doch ein anderer?
– die Öffnung zum Stillen samt den Bändern ist eine Interpretation von mir und so nicht belegbar.

Pinata-Steckbrief blaue Sommercotta

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier

Blaue Sommercotta

–> Blogartikel

Material: Wollköper (gleichgrat), Indigo-Einfachfärbung, 270g/m² von Färbehof
Schnitt: 
– gerade Vorder- und Seitenbahn, Seitengehren ab etwas oberhalb der Taille
– nicht ganz bodenlang
– Ärmel mit Quadratischen Zwickeln unter dem Arm
– Ärmel vorne so eng, dass man ohne Knöpfe gerade noch rein kommt
Quelle: Schnitt grob nachempfunden dem Kleid der heiligen Elisabeth. Blaue Kleider für Frauen finden sich zum Beispiel in der Maciejowski-Bibel (Frankreich, ich weiß).
Bekannte Schwächen:
– der Ausschnitt ist zu weit geraten. Für unsere Zeit sollte er eher sehr halsnah sein. Außerdem schaut so das Unterkleid raus. Wenn jemand eine Idee hat, wie sich das sinnvoll ändern lässt: lasst es mich gerne wissen!
– der Stoff ist sehr leicht. Ich bin am Überlegen, ob das zur gewählten Darstellung passt, oder ein bisschen arg fein ist.
– die Ärmel sitzen nicht ganz so, wie ich das gerne gehabt hätte. Auf den Abbildungen sehen sie keuelnförmiger aus. ein längerer Keil auf der Rückseite hätte wohl besser funktioniert als ein Quadrat unter dem Arm.
– ich bin noch am Recherchieren zu Rocklängen. Das Kleid ist nicht gnaz bodenlang, was ich für eine arbeitende Frau sinnvoll fand. Andererseits weist Katrin Kania in ihrem Buch darauf hin, dass mindestens bodenlange Kleider nicht nur wenig nach- sondern auch gewisse Vorteile haben und außerdem die gängigen Abbildungen eher dafür sprechen.

Pinata-Steckbrief – Unterkleid

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier.

Unterkleid
–> Blogartikel
–> erste Änderung
–> Änderung zum Stillen

Material: Leinen, weiß, weißes Leinengarn.
Schnitt: siehe Blogartikel. Knöchellang. rechteckige Vorder- und Rückenbahn, Ärmel ohne Zwickel oder Ärmalkugel, Seitengehren, Ausschnitt zum Stillen bis Bauchnabel verlängert
Quelle: für das grundsätzliche Kleidungsstück: „Machen alle so“. Für den Stillschlitz:
stillen01_tn Diese Abbildung aus einem Österreichischen Psalter ( cod. 1898; fol 179v 1295-1300)

Bekannte Schwächen:
– ich hatte schon öfter die Diskussion darüber, wie „posh“ weißes, also gebleichtes, Leinen ist, und ob ungebleichtes nicht angebrachter wäre.
– die Nähte sind ziemlich grob
– ich habe so aus dem Hut keinen genauen Beleg für ein Frauen-Unterkleid. Weißes Leinenunterkleid ja, aber nicht exakt für den Schnitt.

Gewandungs-Pinata!

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„Ge-Was?“
Gewandungs-Pinata! Wie man eine Pinata mit einem Stöckchen in der Luft zerschlägt um es Süßigkeiten regnen zu lassen, lade ich herzlich dazu ein, meine Gewandung (und restliche Ausstattung) konstruktiv in der Luft zu zerreißen, so dass es hoffentlich A-nspruch und eine verbesserte Darstellung regne! 😀

„Wie soll das gehen?“
Ich werde hier Stück für Stück kurze Steckbriefe meiner Ausrüstungsgegenstände zusammenstellen (immer so, wie der Nachwuchsreenactor mich lässt). Sofern vorhanden werde ich auf den entsprechenden Blogartikel verlinken. Ich werde zeigen, nach welchen Quellen ich gearbeitet habe, wo meiner Meinung nach Lücken sind und wo ich mir unsicher bin.
In den Kommentaren hier im Blog oder gerne auch bei Facebook, wo ich die Artikel verlinken werde, darf dann nach Herzenslust gekrittelt werden. 😉
Ich freue mich über jeden Hinweis, wo ich einer Fehlinformation aufgesessen bin, wo ich es mir zu leicht oder zu schwer gemacht habe, aber selbstverständlich auch über Hinweise, wo fehlende Belege zu finden sein könnten, Empfehlungen zu Bezugsquellen für athentischere Alternativen etc.
Dass das nur in höflicher und konstruktiver Form funktionieren kann, brauche ich wohl nicht zu betonen.

„Ort? Zeit? Stand?“

Wichtige Fragen, um die Klamotte einschätzen zu können! Wir bewegen uns in der Mark Brandenburg/frühen Stadt Berlin n der Mitte des 13. Jahrhundert.
Darstellung ist eine Magd im Reiselager eines landlosen Ritters. (Siehe die Beschreibung der Darstellung der Brandenburgunder hier . )

„Wie kommt man auf so was?“

Durch den gnadenlosen Blick von außen und harmlose Fragen! Mit jedem Menschen, sei es ein Besucher bei einer Veranstaltung oder ein/e AnfängerIn im Hobby, mit denen ich mich unterhalte, stelle ich meine eigene Beleglage auf den Prüfstein. Denn mehr als einmal musste ich passen bei der Frage nach einem genauen Beleg.
Vieles ist recherchiert und gut belegbar. Anderes habe ich gemacht, weil es praktisch war, weil man es bei jemand anderem so gesehen und übernommen hat, oder weil es -seien wir ehrlich- „alle so machen“!
Da schleichen sich ganz schnell fiese Fehler ein, die ich jetzt Stück für Stück ausmerzen möchte.

„Klasse Idee! Kann ich mitmachen?“

Natürlich! Wer seine Ausstattung auch der „peer Review“ unterziehen möchte, darf die Idee gerne kopieren. Wenn ihr mir einen Hinweis zukommen lasst, verlinke ich gerne auf eure Seiten!

„Fein, auf geht’s! Zeig mal her, den Kram!“

Hier die Links zu den Steckbriefen. (Wird laufend erneuert.)

–> Steckbrief Unterkleid

–> Steckbrief blaue Sommercotta

–> Steckbrief grünes Schlupfärmelkleid

–> Steckbrief Nadelrolle

–> Steckbrief Wollwimpel

Hochmittelaltertreffen Jerichow 2017

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Bald ist es wieder so weit: das Hochmittelaltertreffen in Jerichow (Sachsen Anhalt) findet vom 4. – 13. August 2017 statt.

Für mich das erste große Lager mit Baby, ich bin gespannt! 🙂

Das Prämonstratenserkloster Jerichow ist ein wunderschönes Backsteingebäude aus dem 13. Jahrhundert und mit seiner riesigen Wiese und den benutzbaren wunderschönen Räumen, dem Klostergarten und Kreuzgang eine geniale Kulisse für ein Treffen hochwertiger HoMi-Darsteller.

Hier findet man alle Infos zu Programm, Anmeldung, etc.: http://www.Hochmittelaltertreffen.de .
Neben Lagerleben und viel Austausch mit Gruppen aus ganz Deutschland wird es wieder Vorträge geben und die Möglichkeit zu GeWanderungen, Kampfübungen, Fotoshootings vor wundervoller Kulisse und der Möglichkeit, spontane Kurse und Workshops zu organisieren.

Und hier ein paar Fotos vom letzten Jahr zum Anfüttern ;-). Es war soooo schön!

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Stillkleidung – nursing dress

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stillen03_tn

La Régime du Corps, Frankreich ca 1285

Wie ihr vielleicht bei Facebook schon mitbekommen habt, gibt es eine große Neuerung in meinem Leben:

Seit Januar bin ich Mutter eines wunderbaren kleinen Sohnes!
Das stellt nicht nur meinen Alltag und mein „ziviles“ Leben ordentlich auf den Kopf, sondern ich muss mir auch für das Hobby ein paar neue Lösungen einfallen lassen.
Neben Babykleidung und einer Idee zum Tragen (dazu später mehr) war eine der größeren Herausforderungen, meine Gewandung so zu ändern, dass ich den Babyboy stillen kann.

You maybe already heard the good news on facebook or elsewhere: in January I gave birth to a wonderful little boy! That does not only change all of my „civil“ life but I also had to come up with some solutions for the Living History hobby as well. I needed babyclothes and a solution for babywearing and I had to alter my garb so I could breastfeed Babyboy.

Bei der Recherche war ich überrascht, dass es tatsächlich einige Abbildungen von stillenden Frauen gibt. Besonders häufig als Motiv ist die „Maria lactans“, also die Jungfrau Maria, die den kleinen (und manchmal gar nicht mehr sooo kleinen) Jesus stillt.
Außerdem habe ich die eingangs stehende Abbildung gefunden, die wohl zeigt, wie eine adlige Dame die Brust einer Amme prüft.
Viele dieser Abbildungen sehen aus, als hätte die Cotte auf Höhe der Brust senkrechte Schlitze. Ich halte es da aber mit Gabriele Klostermann, die in ihrem Blogartikel zur Stillkleidung schreibt

„Hier ist meine Überlegung, dass es wenig Sinn macht, mitten in eine Stoffbahn zu schneiden.“
http://www.tempora-nostra.de/mode_gewandformen_2_sonstiges.shtml

During research I was surprised to find quite a number of pictures from the middle ages that showed breastfeeding women. A very common motiv is the „Maria Lactans“, the virgin Mary nursing infant Jesus. I also came across the picture on the top of this page showing a noblewoman examining the breast of a potential wetnurse.
A lot of these illuminations seem to show vertical cuts in the dress but I agree with Gabriele Klostermann who writes in an article on nursing clothes:
„To my opinion it makes little sense to cut right into a piece of fabric“
(translation by me)

Recht hat sie und weist direkt danach auf eine Möglichkeit hin, die ich für mich auch schon ins Auge gefasst hatte: das Unterkleid tief zu schlitzen und die ohnehin vorhandenen Ausschnitte der Schlupfärmel zu nutzen.
Tatsächlich gibt es für beides bildliche Belege, die Gabriele auch schon gesammelt hat*:

She has a very good point there and offers a much more practical solution: Open the front of the underdress and use the armholes of a dress with slip-out sleeves.
You can find proof for both alterations. Gabriele collected the following pictures (I copied both pictures and describition from her page)

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geschlitztes Unterkleid, Psalter, Österreich, cod. 1889; fol. 179v; 1295-1300

 

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Notre-Dame, Paris Südquerschiffportal Mitte 13.Jhd

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Elisabeth spendet Almosen, Marburg, um 1250

Den Halsschlitz von meinem Unterkleid hatte ich sowieso schon einmal weiter aufgeschnitten, weil ich im Winter hochschwanger bei einer Veranstaltung war und mit meinen neuen Dimensionen nicht mehr hineingepasst hatte 😉

Diesen Schlitz bis etwa Bauchnabelhöhe habe ich also einfach versäubert.
Einen Verschluss habe ich nicht angebracht, das wäre mir zu viel Gefummel und das relativ feste Leinen bleibt auch so ganz gut am Platz

I had to open my underdress anyway because I was attanding an event last winter while being 9 month pregnant and couldn’t fit into it 😉

So I just neatened this slit. I did not add any fastener,  because I didn’t want to fiddle araund with to many buttons, strings or the like

Halsausschnitt am Unterkleid vorher und nachher.
Underdress neck-opening before and after

 

Die Ärmellöcher an den Schlupfärmeln sind zwar schon recht groß, aber zum Stillen reicht es noch nicht ganz. Darum habe ich die Naht zwischen Vorderteil und Gehre bis zur Taille aufgetrennt. Da die Nahtzugaben zu beiden Seiten der Naht umgefaltet und versäubert sind, konnte ich einfach die Naht auftrennen, ohne hinterher versäubern zu müssen.
Knapp unter dem Ärmel habe ich zwei geflochtene Schnüre aus Wollgarn befestigt, um den großen Schlitz etwas verschließen zu können.

The armholes are quite roomy as they are, but not big enough for nursing. So I unstiched a part of the seam between the front panel and the gore down to the waist. Since I had neatened thes seam by folding it to both sides, I could just undo the seam without having to neaten it again.
Under the arms I added some braided woolen thread to close the rather big slit.

Zum Stillen kann ich jetzt das Unterkleid nach links und die Cotte nach rechts verschieben (oder eben umgekehrt) und fertig 🙂
For nursing I can now move one layer to the right and the other to the left and voila: done 🙂

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Angezogen sieht man davon kaum etwas und das Kleid fällt und wirkt wie man es von Schlupfärmelkleidern kennt:
When closed you hardly see the openings and the dress looks just like any ordinary slip-sleeve dress.

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Die Premiere hatte diese Kombination dieses Wochenende beim Winteraustreiben im Museumsdorf Düppel, wo Babyboy und ich sehr idyllisch im Frühlingssonnenschein auf einer Bank gestillt haben 🙂
Funktioniert wunderbar!
This alterations had their debut this weekend at Düppel open-air museum where Babyboy and I nursed in the wonderful spring sun on a bench under a tree. 🙂
Works like a charm!

*Bilder so wie Bildbeschreibungen habe ich aus dem verlinkten Blogartikel kopiert