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Baby und Kind tragen im Mittelalter

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Christopher carrying the Infant Christ. The Westminster Psalter folio 220r.Dated to 1200 – 1250, from The Benedictine Abbey of Westminster England.

Detail from The Luttrell Psalter, British Library Add MS 42130 (medieval manuscript,1325-1340), f53r

 

Das Tragen von Babys und Kleinkindern in Tüchern, Schlingen, Gurten oder ähnlichem ist wohl so alt wie die Menschheit und in Mitteleuropa vergleichsweise kurzfristig aus dem Fokus geraten und durch Kinderwagen, Buggys etc. ersetzt worden.

Im 21. Jahrhundert leben wir mit dem Drachentöter in der Großstadt und sind häufig mit Trage oder Tragetuch unterwegs und seltener mit dem Kinderwagen.

Daher ist es für mich keine große Umstellung, den Kleinen (immer größer werdenden) auch im Mittelalter zu tragen.
Bei der Frage nach dem „Wie“ habe ich nicht das Rad neu erfunden, sondern mich auf die großartige Vorarbeit von Christina Curelli gestützt.
Christina ist ausgebildete Trageberaterin. Sie kennt sich also hervorragend damit aus, wie man Kinder bequem, sicher und ergonomisch für Träger und Tragling in Tuch und Co transportieren kann.
Außerdem ist sie auch noch Teil der Wienischen Hantwerkluite, einer Living-History Gruppe aus Österreich, die -sorry, isso- megageile Arbeit leisten, was gut recherchierte, bis zum letzten Faden belegbare und authentische Mittelalterdarstellung angeht.
Aus dieser Kombination heraus hat sie einen Artikel geschrieben, in dem sie die Quellenlage für das Hochmittelalter darlegt und dann die abgebildeten Trageweisen für die praktische Umsetzung so interpretiert, dass sie sinnvoll und sicher sind und sich dabei so nah wie möglich an der Quelle orientieren.

Der Artikel ist hier zu finden:
http://wh1350.at/de/alltag-um-1350/kindheit-im-mittelalter/tragen-von-babys-kleinkindern/

 

Nun hatte ich also eine sehr gute Grundlagenarbeit und es ging darum, eine Form zu finden, die für mich und meinen Sohn funktioniert.

Erster Aufschlag: Leinen-Ringsling. Material stimmt, Form noch nicht.

Als ich anfing, den Drachentöter mit auf Mittelalterveranstaltungen zu nehmen, war ich noch sehr ungeübt mit Tragetüchern. An Rückentrageweisen hatte ich mich noch nicht herangewagt und auch noch nie eine Hüftschlinge mit Schiebeknoten gebunden.
Allerdings trug ich den Drachentöter von Anfang an gerne im Ringsling. Das ist ein kurzes Tragetuch, an dessen einem Ende zwei Ringe angebracht sind, durch die das andere Ende gefädelt wird. Man kennt das Prinzip von manchen Gürteln.

Ein Sling sollte es also sein. Nicht authentisch, aber man könnte zumindest die Optik einer Hüftschlinge nachahmen.
Damit wenigstens das Material stimmte, entschied ich mich für einen Ringsling aus Leinen von Hänschenklein. Um die Ringe zu verstecken und den Schiebeknoten zu faken, wickelte ich das restliche Tuch um die Ringe.

      

Diese Variante ging eine ganze Weile gut. Ich konnte J. bequem und sicher tragen und es sah einigermaßen original aus.
Für Tagesbesuche oder zwischendurch im Lager machte sich das wunderbar.
Ich habe sogar eine Modenschau mit Co-Moderator im Sling moderiert 😉

Bald aber zeigten sich die Schwächen dieser Variante:
1. es war eben nicht ganz authentisch und meine innere A-Päpstin biss sich schon wunde Stellen in die Zunge
2. Der Drachentöter schläft bisher nur getragen ein. Im Sling wird das irgendwann für uns beide ziemlich unbequem. Bei Tagesbesuchen war das nicht so schlimm, aber zum Beispiel beim Hochmittelaltertreffen in Jerichow 2017 griff ich dann für die laaaangen abendlichen Einschläfer-Spaziergänge doch auf den modernen MySol zurück. Die innere A-Päpstin wand sich. (Aber leise, um das Baby nicht zu wecken.)

3. Der Hänschenklein-Sling ist ziemlich dünn. Für ein kleines Baby und im Sommer wunderbar (ich habe den Sling auch oft im „modernen Leben“ benutzt), aber irgendwann wurde aus dem Baby ein Kleinkind und er wurde einfach zu schwer für das dünne Tuch. Sein Gewicht wurde nicht mehr richtig gehalten und er wurde unangenehm schwer auf der Schulter.

Zweiter Versuch: Baumwoll-Tragetuch. Jetzt stimmt die Form aber das Material nicht mehr

Es musste also ein Ersatz her. Mittlerweile war ich deutlich geübter und erfahrener, was Tragetücher und Bindeweisen anging. Ich trage vor dem Bauch, auf der Hüfte, auf dem Rücken,…Ich machte sogar noch einen Termin mit „meiner“ Trageberaterin (der wunderbaren Nina Riedler in Pankow) gemacht, um mir den Hüftsitz mit Schiebeknoten live zeigen zu lassen.
Ich wollte also jetzt ein Tragetuch haben und diesmal sollte alles stimmen! (die innere A-Päpstin atmet erleichtert auf).
So weit die Theorie.
Man sollte ja meinen, es sei nicht so schwer, ein historisches Tragetuch zu rekonstruieren: Leinen-Meterware kaufen, Ränder säumen, fertig ist das Tragetuch, oder?
Aber welches Leinen? Durch die Erfahrungen mit dem zu dünnen Hänschenklein war ich verunsichert. Das Tuch sollte stabil genug sein, um meinen 1 bis 2 oder auch 3 jährigen zu halten. Es sollte aber auch weich genug sein, dass es sich bequem trägt,…
Ich wälzte Foren und Facebookgruppen, bat um Erfahrungen und Tipps, aber das war wohl zu speziell. Ein Hinweis kam jedoch öfter (und auch von Christina Curreli): Von der Firma Didymos gab es vor einiger Zeit ein Tragetuch aus reinem Leinen. Leider wird das nicht mehr hergestellt und ist nur ganz selten gebraucht erhältlich.
Das klang toll. Leinen (also A), als Tragetuch gedacht und daher wohl hoffentlich weder zu dünn noch zu steif. Ich schaltete also Suchanzeigen. Durchkämmte die üblichen Gebrauchtmärkte und Kleinanzeigen. Nichts. Über Wochen und Monate nichts. Leinentücher sind wohl zur Zeit beliebt und es gab einfach keines zum Verkauf.
Die erste Veranstlatung (Der Heerbann Berlin/Brandenburg, zu dem wir als Tagesgäste kommen wollten) rückte immer näher und ich hatte nichts zum Tragen!

Also entschied ich mich für eine Übergangslösung.
Die Firma Yaro stellt relativ günstige Tragetücher her und hat ein naturfarbenes Baumwolltuch im Programm, dass man oft zum sehr kleinen Preis in den Kleinanzeigen findet.
Bevor ich also nun vor lauter Suche nach einer historischen Variante plötzlich ganz ohne irgendeine Variante da stünde, habe ich mit ein gebrauchtes Yaro Broken Twill ersteigert, auf Größe 5 gekürzt und bin damit auf den ersten zwei Veranstaltungen in diesem Jahr gewesen.
(Die innere A-Päpstin macht mit wegwerfender Geste ne Flasche Wein auf).

Der Schiebeknoten und ich werden keine Freunde mehr. Ich mache also einen unter dem Po geknoteten Hüftsitz

Das Yaro tat erst mal, was es sollte, allerdings fand ich es extrem dehnbar, was sich nicht gut mit meiner Neigung zum schlampigen Nachziehen verträgt – ähäm

Jetzt aber! Leinen-Tragetuch von Didymos

Auf dem Flohmarkt beim Heerbann erstand ich recht günstig ein paar Meter festen Leinenstoff. Der sollte es nun werden!
Aber bevor ich auch nur dazu kam, ihn vorzuwaschen oder gar zuzuschneiden, entdeckte ich tatsächlich noch ein Didymos Reinleinen in Größe 5 (genau, was ich gesucht hatte!) auf einer Gebrauchtplattform.
Der Preis war für ein vergriffenes Markentuch ok, allerdings immer noch ein ganz schöner Happen, zumal ich ja gerade eigentlich das Leinen gekauft hatte. Ich zögerte also kurz, bis mein Liebster mir anbot, mir eine Hälfte zum Muttertag zu schenken (Das ganze hätte ich übertrieben gefunden).

Noch neu und ungewaschen war das Didymos erwartungsgemäß in etwa so kuschelig wie eine Spanplatte, aber nach einer Runde in Waschmaschine und Trockner (ja: Trockner. Soll man nicht. mach ich auch normalerweise nicht. Kriegt aber auch bockigstes Leinen weich 😉 ) war es weich und trotzdem stabil!

Das Leinen ist ungebleicht, auf der einen Seite schusslastig etwas heller, auf der anderen kettlastig etwas dunkler und im ganzen wunderwunderschön.


Ich habe es noch nicht wirklich in ganzer Klamotte ausprobiert, sondern bisher nur probegebunden, aber sobald ich die Modernen Schilder und MIttelpunkt-Markierer ersetzt habe, werde ich mal einen Tagesausflug nach Düppel machen und die neue Schönheit im praktischen Gerauch testen!

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Baby- und Kinderkleidung fürs Mittelalter

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PROLOG:
*Die innere A-Päpstin macht sich ne Flasche Wein auf und verlässt kopfschüttelnd den Raum*

 

Wer meinem Blog oder meiner Facebookseite schon eine Weile folgt, der weiß, dass es mein erklärtes Ziel ist, mich in meiner Darstellung so nah wie es irgendwie geht an das historische Original anzunähern. Das wird unterstützt und widergespiegelt vom Kitguide meiner Mittelaltergrupe „Die Brandenburgunder“. Bei meiner eigenen Ausrüstung lasse ich kein „Das ist aber bequemer“ oder „Das könnte so gewesen sein“ gelten. Moderne Unterwäsche ist mein einziges Zugeständnis an moderne Standards.

Anders sieht das aus bei der Kleidung und Ausrüstung meines Sohnes (geboren im Januar 2017 und zur Zeit fast anderthalb)
„A ist ein Prozess“ stimmt immer; die Ausrüstung ist nie fertig und eigentlich nie gut genug, aber wenn es um den Drachentöter geht, gestatte ich mir doch ein etwas langsameres Reisetempo auf dem Weg zum großen A.

Wie sollte es denn eigentlich sein?

Unter einem Jahr bzw vor dem Laufalter hätte ich den Kleinen wohl in mehr oder weniger kunstvoll gewickelte Leinentücher und -streifen binden müssen. Dieses „Pucken“ wird zwar heute auch noch/wieder gemacht, allerdings nur kurz, mit weicheren Materialien und unter Berücksichtigung der Kindlichen Physiologie. Der Drachentöter hätte mir was gehustet, wenn ich ihn mit 3 Monaten eingewickelt wie eine Mini-Mumie durchs Museumsdorf geschleppt hätte! 😉

psalter, France 13th century (Aix-en-Provence, Bibliothèque municipale, ms. 15, fol. IXr)

Bible moralisée – Biblia historica-allegorica iconologica Veteris Testamenti cum textu marginali gallico. 2. Viertel 13. Jhdt. (1225-1249) Cod. 2554 Folio 10

Hier musste ich also zum ersten mal Abstriche an der Authentizität machen, um Sicherheit und ein Stück weit Bequemlichkeit in den Vordergrund zu stellen.
Kinder, die schon laufen können (aber auch „Schoßkinder“), tragen auf Abbildungen meist das gleiche wie die Erwachsenen. Einfache Wollkittel, teilweise ohne Gürtel.

Bible, MS M.969 fol. 126r Dieses Bild könnten der Drachentöter und ich glatt nachstellen! 🙂

Kreuzfahrerbibel Fol. 19r

Kreuzfahrerbibel, Fol. 15v (Detail)

Darunter ein Leinenhemd, oftmals auch nur das Hemdchen. Manche tragen Schuhe, oft sind Kinder aber auch barfuß dargestellt

Mein Ansatz war es also, einfach im Alter etwas vorzugreifen und dem Kleinen als Kompromiss Kleidung anzuziehen, die er im 13. Jahrhundert wohl erst angehabt hätte, wenn er etwas älter gewesen wäre.


Die erste Garderobe (Frühling): bequem, praktisch, richtige Materialien, aber ansonsten eher nicht so A 😉

Bei unseren ersten Ausflügen ins Mittelalter war der Drachentöter 3 Monate alt und eher…ambientig als authentisch angezogen:
Ich hatte gebraucht ein Leinenhemd und eine dünne Wolltunika erstanden. Beides Handgenäht und clevererweise als Wickelhemd konzipiert, so dass ich dem Winzling nicht die unelastischen Ärmel vom Kopf her anziehen musste.
So weit ich weiß, gibt es für diese Art Kinderkittel keinerlei Beleg.

Es war immerhin

– aus belegbaren Materialien (Wolle und Leinen)
– handgenäht
– pflanzengefärbt


Allerdings war der Drachentöter für diese Art Kleidung eigentlich zu jung und der Schnitt wie gesagt nicht belegt.
Als zusätzliche wärmende Schicht (es war erst April) hatte ich noch eine Art kleinen Surcot genäht. Dieser ärmellose Kittel hatte eine Cotte werden sollen, aber die Ärmel waren viel zu eng geraten und so habe ich sie einfach entfernt und die Armlöcher vergrößert.


Auf dem Kopf hatte er eine moderne Wolle-Seide-Mütze und drunter einen Wolle-Seide-Body und eine naturfarbene Wollstrumpfhose.
Es stimmten also wieder die Materialien, aber sonst eigentlich nicht viel 😉

 

Zweiter Versuch (Sommer) weniger ist mehr

Als wir im August 2017 auf dem Gelände des Klosters Jerichow zu Hochmittaltertreffen lagerten, war der Drachentöter fast 7 Monate alt und aus den Sachen vom Frühjahr zum großen Teil raus gewachsen.
Ich hatte ein neues Hemdchen aus Leinen genäht und mich dabei am Schnitt des gebraucht gekauften Wickelhemdchens orientiert. Der blaue Surcot passte auch noch, wenn es mal etwas kühler würde. Drunter waren diesmal weiße Baumwollbodys und ggf eine Wollstrumpfhose.
Schon hier fiel auf: weniger ist mehr: je weniger er anhat, umso authentischer ist es eigentlich.

Dritte Variante (Winter) : es gar nicht erst versuchen oder: Das Tarnkäppchen

Die nächste Gelegenheit, zu der ich den Kleinen mit „ins Mittelalter“ genommen habe, waren Besuche im Museumsdorf Düppel im Winter. Aus den Sachen vom Sommer war er zum einen längst rausgewachsen, zum anderen waren sie viel zu luftig für winterliche Temperaturen.
Im Winter 2017/-18 war der Drachentöter noch ein Krabbelkind und da ich nicht vorhatte, ihn auf dem kalten und evtl matschigen Boden viel herumkrabbeln zu lassen, würde er die meiste Zeit ohnehin bei mir im Tragetuch und unter meinem Mantel verbringen und man würde nicht viel von ihm sehen. Ich entschied mich darum dafür, keine neue Kleidung zu nähen (die dann im Sommer, wenn sie wirklich uzm Einsatz käme, wahrscheinlich gar nicht mehr passen würde), sondern ihn ganz bewusst in seinen modernen Wollplüschanzug zu kleiden, dicke nadelgebundene Socken an die Füße zu ziehen und gar nicht erst so zu tun, als trüge er athentische Kleidung.
Eines konnte ich mir jedoch nicht verkneifen:
Eine kleine Gugel aus pflanzengefärbtem Wollstoff. Es gibt ein paar Belege für Kindergugeln.

The Luttrell Psalter, British Library Add MS 42130 (medieval manuscript,1325-1340), f53r

Meist sehen die eher nach Kapuzen aus, aber diese größere Variante hielt ihn schön warm, sah auf Fotos und von weitem immerhin ambientig aus und war -ist ja auch nicht ganz unwichtig- einfach zuckersüß 😉

Der zweite Sommer: das ist schon ganz gut!

In diesem Sommer nun hat sich einiges verändert: aus dem Minibaby wurde ein Krabbelkind und jetzt schon fast ein Laufkind. Man kann ihm auch nicht-dehnbare Ärmel anziehen, ohne Angst zu haben, einen Arm abzureißen und so habe ich mich von dem Konzept „Wickelhemd“ verabschiedet und ein einfaches Leinenhemdchen aus schönem weichem Leinen genäht.
Eine Cotte wollte ich auch noch machen, aber die Zeit drängte und zufällig hatte meine Lieblingsfärberin Manuela von Ovicula eine zu klein gewordene Cotte von ihren Töchtern zu verkaufen.
Also gab es zum Leinenhemdchen eine neue gebrauchte Cotte aus waidblauem Wollstoff. Ein bisschen zu lang ist sie noch (also schön zum rein wachsen), so dass ich auf halber Höhe einen großen Abnäher gemacht habe. Die Ärmel kremple ich einfach hoch.

Drunter ist immer noch ein weißer Body (und natürlich eine moderne Windel) aber das sieht man nicht. Auf Strumpfhose etc. habe ich diesen Sommer bisher verzichten können. Es war bei unseren Tagesausflügen zum Heerbann und zum Ritterfest in Düppel so warm, dass ich ihn irgendwann nur im Hemdchen gelassen habe.
Auf den Kopf sollte er eigentlich eine Bundhaube kriegen. Die erste war zu klein, da musste eine zum Kopftuch gebundene Mullwindel als Sonnenschutz herhalten.

Die zweite Haube passte besser, hatte aber anfangs noch keine Bindebänder (man kommt -wirklich- zu nichts mit einem kleinen Kind im Haus!) So sah es in Düppel noch eher nach „Frau Aantje“ als nach Drachentöter aus. Mittlerweile ist aber auch die Haube bebändselt 😉

Schuhe hat der Drachentöter noch gar keine. Er läuft noch nicht, sondern krabbelt fast ausschließlich. Und als Sohn einer Magd kann er problemlos barfuß bleiben.

Die aktuelle Ausstattung ist also
– handgenäht
– aus den richtigen Materialien
– pflanzengefärbt
– historisch schon deutlich näher an den Abbildungen, die man so findet (wobei da das Alter der Kinder oft schwer einzuschätzen ist)

 

Nicht mehr lange und der kleine Mann trägt Bruche und Beinlinge wie ein großer! 🙂

Das etwas andere Babyhäubchen – Gugel für den Mini-Reenactor

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Hier kommt ein Projekt aus der Kategorie: mit Kindern muss man Kompromisse machen 😉

Auf den Sommerveranstaltungen hat der kleine bisher nur ein Leinenhemdchen getragen, darunter einen weißen Body und eine weiße Strumpfhose. Bundhäubchen dazu und fertig.

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Im Frühjahr hatte er noch ein Wickelhemdchen aus Wollstoff und eine Art kleinen Surcot aus auch Wolle drüber.IMG_20170317_134141_LI
A war das nicht, aber wenn ich es wirklich authentisch hätte machen wollen, hätte ich den damals wenige Monate alten kleinen Kerl in Leinenstreifen und -tücher einbinden müssen und das wollte ich ihm dann doch ersparen 😉
Also habe ich mich für eine ambientige und gänzlich unhistorische Variante entschieden.

Nach dem Hochmittelaltertreffen in Jerichow hatten wir dann kaum noch Veranstaltungen, zu denen ich mitgefahren wäre; die ersten kamen dann erst wieder im Winter:
Das St-Martinsfest im Museumsdorf Düppel und im Dezember ebendort der jährliche Adventsmarkt.
Zu beiden Veranstaltungen wollte ich als gewandeter Tagesgast gehen und damit stand ich vor einem Problem:

Der Lütte hatte nur Sommergewandung und die war auch noch zu klein geworden!
Da ich aber wusste, dass es genau diese zwei Tagesveranstaltungen geben würde, bevor wir in die WInterpause gehen, wollte ich auch keine aufwändige Klamotte schneidern, die erst in einem haleben Jehr wieder zum Einsatz kommt, wenn der kleine Drachentöter schon wieder einen Kopf größer ist 😉

Da er aber eh die meiste Zeit im Tragetuch auf meiner Hüfte sitzen würde und somit ohnehin nicht viel von seiner Kleidung sichtbar wäre, habe ich mich entschlossen, ihn in seinen normalen Wollplüsch-Overall zu stecken und als „Tarnmäntelchen“ eine Gugel zu nähen.

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Die ist schön warm, schützt den Kopf und bedeckt zumindest den Oberkörper, der aus dem Tuch raus schaut. 🙂

Der Schnitt ist von der Skjoldenham-Gugel übernommen. Als Material habe ich Reststücke benutzt: Außen die mega weiche und warme Finkhof-Wolle von meiner Cappa und als Futter einen rest hellblauen feinen Wollköper vom Färbehof, den ich noch rumliegen hatte.

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Beim Martinsfest im November 2017. Die Stricksocken wurden noch durch genadelte ersetzt 😉

Das Ergebnis ist warm, praktisch, nur so semi-historisch und zum niederknien niedlich 🙂

 

Stillkleidung – nursing dress

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La Régime du Corps, Frankreich ca 1285

Wie ihr vielleicht bei Facebook schon mitbekommen habt, gibt es eine große Neuerung in meinem Leben:

Seit Januar bin ich Mutter eines wunderbaren kleinen Sohnes!
Das stellt nicht nur meinen Alltag und mein „ziviles“ Leben ordentlich auf den Kopf, sondern ich muss mir auch für das Hobby ein paar neue Lösungen einfallen lassen.
Neben Babykleidung und einer Idee zum Tragen (dazu später mehr) war eine der größeren Herausforderungen, meine Gewandung so zu ändern, dass ich den Babyboy stillen kann.

You maybe already heard the good news on facebook or elsewhere: in January I gave birth to a wonderful little boy! That does not only change all of my „civil“ life but I also had to come up with some solutions for the Living History hobby as well. I needed babyclothes and a solution for babywearing and I had to alter my garb so I could breastfeed Babyboy.

Bei der Recherche war ich überrascht, dass es tatsächlich einige Abbildungen von stillenden Frauen gibt. Besonders häufig als Motiv ist die „Maria lactans“, also die Jungfrau Maria, die den kleinen (und manchmal gar nicht mehr sooo kleinen) Jesus stillt.
Außerdem habe ich die eingangs stehende Abbildung gefunden, die wohl zeigt, wie eine adlige Dame die Brust einer Amme prüft.
Viele dieser Abbildungen sehen aus, als hätte die Cotte auf Höhe der Brust senkrechte Schlitze. Ich halte es da aber mit Gabriele Klostermann, die in ihrem Blogartikel zur Stillkleidung schreibt

„Hier ist meine Überlegung, dass es wenig Sinn macht, mitten in eine Stoffbahn zu schneiden.“
http://www.tempora-nostra.de/mode_gewandformen_2_sonstiges.shtml

During research I was surprised to find quite a number of pictures from the middle ages that showed breastfeeding women. A very common motiv is the „Maria Lactans“, the virgin Mary nursing infant Jesus. I also came across the picture on the top of this page showing a noblewoman examining the breast of a potential wetnurse.
A lot of these illuminations seem to show vertical cuts in the dress but I agree with Gabriele Klostermann who writes in an article on nursing clothes:
„To my opinion it makes little sense to cut right into a piece of fabric“
(translation by me)

Recht hat sie und weist direkt danach auf eine Möglichkeit hin, die ich für mich auch schon ins Auge gefasst hatte: das Unterkleid tief zu schlitzen und die ohnehin vorhandenen Ausschnitte der Schlupfärmel zu nutzen.
Tatsächlich gibt es für beides bildliche Belege, die Gabriele auch schon gesammelt hat*:

She has a very good point there and offers a much more practical solution: Open the front of the underdress and use the armholes of a dress with slip-out sleeves.
You can find proof for both alterations. Gabriele collected the following pictures (I copied both pictures and describition from her page)

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geschlitztes Unterkleid, Psalter, Österreich, cod. 1889; fol. 179v; 1295-1300

 

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Notre-Dame, Paris Südquerschiffportal Mitte 13.Jhd

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Elisabeth spendet Almosen, Marburg, um 1250

Den Halsschlitz von meinem Unterkleid hatte ich sowieso schon einmal weiter aufgeschnitten, weil ich im Winter hochschwanger bei einer Veranstaltung war und mit meinen neuen Dimensionen nicht mehr hineingepasst hatte 😉

Diesen Schlitz bis etwa Bauchnabelhöhe habe ich also einfach versäubert.
Einen Verschluss habe ich nicht angebracht, das wäre mir zu viel Gefummel und das relativ feste Leinen bleibt auch so ganz gut am Platz

I had to open my underdress anyway because I was attanding an event last winter while being 9 month pregnant and couldn’t fit into it 😉

So I just neatened this slit. I did not add any fastener,  because I didn’t want to fiddle araund with to many buttons, strings or the like

Halsausschnitt am Unterkleid vorher und nachher.
Underdress neck-opening before and after

 

Die Ärmellöcher an den Schlupfärmeln sind zwar schon recht groß, aber zum Stillen reicht es noch nicht ganz. Darum habe ich die Naht zwischen Vorderteil und Gehre bis zur Taille aufgetrennt. Da die Nahtzugaben zu beiden Seiten der Naht umgefaltet und versäubert sind, konnte ich einfach die Naht auftrennen, ohne hinterher versäubern zu müssen.
Knapp unter dem Ärmel habe ich zwei geflochtene Schnüre aus Wollgarn befestigt, um den großen Schlitz etwas verschließen zu können.

The armholes are quite roomy as they are, but not big enough for nursing. So I unstiched a part of the seam between the front panel and the gore down to the waist. Since I had neatened thes seam by folding it to both sides, I could just undo the seam without having to neaten it again.
Under the arms I added some braided woolen thread to close the rather big slit.

Zum Stillen kann ich jetzt das Unterkleid nach links und die Cotte nach rechts verschieben (oder eben umgekehrt) und fertig 🙂
For nursing I can now move one layer to the right and the other to the left and voila: done 🙂

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Angezogen sieht man davon kaum etwas und das Kleid fällt und wirkt wie man es von Schlupfärmelkleidern kennt:
When closed you hardly see the openings and the dress looks just like any ordinary slip-sleeve dress.

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Die Premiere hatte diese Kombination dieses Wochenende beim Winteraustreiben im Museumsdorf Düppel, wo Babyboy und ich sehr idyllisch im Frühlingssonnenschein auf einer Bank gestillt haben 🙂
Funktioniert wunderbar!
This alterations had their debut this weekend at Düppel open-air museum where Babyboy and I nursed in the wonderful spring sun on a bench under a tree. 🙂
Works like a charm!

*Bilder so wie Bildbeschreibungen habe ich aus dem verlinkten Blogartikel kopiert