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Baby und Kind tragen im Mittelalter

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Christopher carrying the Infant Christ. The Westminster Psalter folio 220r.Dated to 1200 – 1250, from The Benedictine Abbey of Westminster England.

Detail from The Luttrell Psalter, British Library Add MS 42130 (medieval manuscript,1325-1340), f53r

 

Das Tragen von Babys und Kleinkindern in Tüchern, Schlingen, Gurten oder ähnlichem ist wohl so alt wie die Menschheit und in Mitteleuropa vergleichsweise kurzfristig aus dem Fokus geraten und durch Kinderwagen, Buggys etc. ersetzt worden.

Im 21. Jahrhundert leben wir mit dem Drachentöter in der Großstadt und sind häufig mit Trage oder Tragetuch unterwegs und seltener mit dem Kinderwagen.

Daher ist es für mich keine große Umstellung, den Kleinen (immer größer werdenden) auch im Mittelalter zu tragen.
Bei der Frage nach dem „Wie“ habe ich nicht das Rad neu erfunden, sondern mich auf die großartige Vorarbeit von Christina Curelli gestützt.
Christina ist ausgebildete Trageberaterin. Sie kennt sich also hervorragend damit aus, wie man Kinder bequem, sicher und ergonomisch für Träger und Tragling in Tuch und Co transportieren kann.
Außerdem ist sie auch noch Teil der Wienischen Hantwerkluite, einer Living-History Gruppe aus Österreich, die -sorry, isso- megageile Arbeit leisten, was gut recherchierte, bis zum letzten Faden belegbare und authentische Mittelalterdarstellung angeht.
Aus dieser Kombination heraus hat sie einen Artikel geschrieben, in dem sie die Quellenlage für das Hochmittelalter darlegt und dann die abgebildeten Trageweisen für die praktische Umsetzung so interpretiert, dass sie sinnvoll und sicher sind und sich dabei so nah wie möglich an der Quelle orientieren.

Der Artikel ist hier zu finden:
http://wh1350.at/de/alltag-um-1350/kindheit-im-mittelalter/tragen-von-babys-kleinkindern/

 

Nun hatte ich also eine sehr gute Grundlagenarbeit und es ging darum, eine Form zu finden, die für mich und meinen Sohn funktioniert.

Erster Aufschlag: Leinen-Ringsling. Material stimmt, Form noch nicht.

Als ich anfing, den Drachentöter mit auf Mittelalterveranstaltungen zu nehmen, war ich noch sehr ungeübt mit Tragetüchern. An Rückentrageweisen hatte ich mich noch nicht herangewagt und auch noch nie eine Hüftschlinge mit Schiebeknoten gebunden.
Allerdings trug ich den Drachentöter von Anfang an gerne im Ringsling. Das ist ein kurzes Tragetuch, an dessen einem Ende zwei Ringe angebracht sind, durch die das andere Ende gefädelt wird. Man kennt das Prinzip von manchen Gürteln.

Ein Sling sollte es also sein. Nicht authentisch, aber man könnte zumindest die Optik einer Hüftschlinge nachahmen.
Damit wenigstens das Material stimmte, entschied ich mich für einen Ringsling aus Leinen von Hänschenklein. Um die Ringe zu verstecken und den Schiebeknoten zu faken, wickelte ich das restliche Tuch um die Ringe.

      

Diese Variante ging eine ganze Weile gut. Ich konnte J. bequem und sicher tragen und es sah einigermaßen original aus.
Für Tagesbesuche oder zwischendurch im Lager machte sich das wunderbar.
Ich habe sogar eine Modenschau mit Co-Moderator im Sling moderiert 😉

Bald aber zeigten sich die Schwächen dieser Variante:
1. es war eben nicht ganz authentisch und meine innere A-Päpstin biss sich schon wunde Stellen in die Zunge
2. Der Drachentöter schläft bisher nur getragen ein. Im Sling wird das irgendwann für uns beide ziemlich unbequem. Bei Tagesbesuchen war das nicht so schlimm, aber zum Beispiel beim Hochmittelaltertreffen in Jerichow 2017 griff ich dann für die laaaangen abendlichen Einschläfer-Spaziergänge doch auf den modernen MySol zurück. Die innere A-Päpstin wand sich. (Aber leise, um das Baby nicht zu wecken.)

3. Der Hänschenklein-Sling ist ziemlich dünn. Für ein kleines Baby und im Sommer wunderbar (ich habe den Sling auch oft im „modernen Leben“ benutzt), aber irgendwann wurde aus dem Baby ein Kleinkind und er wurde einfach zu schwer für das dünne Tuch. Sein Gewicht wurde nicht mehr richtig gehalten und er wurde unangenehm schwer auf der Schulter.

Zweiter Versuch: Baumwoll-Tragetuch. Jetzt stimmt die Form aber das Material nicht mehr

Es musste also ein Ersatz her. Mittlerweile war ich deutlich geübter und erfahrener, was Tragetücher und Bindeweisen anging. Ich trage vor dem Bauch, auf der Hüfte, auf dem Rücken,…Ich machte sogar noch einen Termin mit „meiner“ Trageberaterin (der wunderbaren Nina Riedler in Pankow) gemacht, um mir den Hüftsitz mit Schiebeknoten live zeigen zu lassen.
Ich wollte also jetzt ein Tragetuch haben und diesmal sollte alles stimmen! (die innere A-Päpstin atmet erleichtert auf).
So weit die Theorie.
Man sollte ja meinen, es sei nicht so schwer, ein historisches Tragetuch zu rekonstruieren: Leinen-Meterware kaufen, Ränder säumen, fertig ist das Tragetuch, oder?
Aber welches Leinen? Durch die Erfahrungen mit dem zu dünnen Hänschenklein war ich verunsichert. Das Tuch sollte stabil genug sein, um meinen 1 bis 2 oder auch 3 jährigen zu halten. Es sollte aber auch weich genug sein, dass es sich bequem trägt,…
Ich wälzte Foren und Facebookgruppen, bat um Erfahrungen und Tipps, aber das war wohl zu speziell. Ein Hinweis kam jedoch öfter (und auch von Christina Curreli): Von der Firma Didymos gab es vor einiger Zeit ein Tragetuch aus reinem Leinen. Leider wird das nicht mehr hergestellt und ist nur ganz selten gebraucht erhältlich.
Das klang toll. Leinen (also A), als Tragetuch gedacht und daher wohl hoffentlich weder zu dünn noch zu steif. Ich schaltete also Suchanzeigen. Durchkämmte die üblichen Gebrauchtmärkte und Kleinanzeigen. Nichts. Über Wochen und Monate nichts. Leinentücher sind wohl zur Zeit beliebt und es gab einfach keines zum Verkauf.
Die erste Veranstlatung (Der Heerbann Berlin/Brandenburg, zu dem wir als Tagesgäste kommen wollten) rückte immer näher und ich hatte nichts zum Tragen!

Also entschied ich mich für eine Übergangslösung.
Die Firma Yaro stellt relativ günstige Tragetücher her und hat ein naturfarbenes Baumwolltuch im Programm, dass man oft zum sehr kleinen Preis in den Kleinanzeigen findet.
Bevor ich also nun vor lauter Suche nach einer historischen Variante plötzlich ganz ohne irgendeine Variante da stünde, habe ich mit ein gebrauchtes Yaro Broken Twill ersteigert, auf Größe 5 gekürzt und bin damit auf den ersten zwei Veranstaltungen in diesem Jahr gewesen.
(Die innere A-Päpstin macht mit wegwerfender Geste ne Flasche Wein auf).

Der Schiebeknoten und ich werden keine Freunde mehr. Ich mache also einen unter dem Po geknoteten Hüftsitz

Das Yaro tat erst mal, was es sollte, allerdings fand ich es extrem dehnbar, was sich nicht gut mit meiner Neigung zum schlampigen Nachziehen verträgt – ähäm

Jetzt aber! Leinen-Tragetuch von Didymos

Auf dem Flohmarkt beim Heerbann erstand ich recht günstig ein paar Meter festen Leinenstoff. Der sollte es nun werden!
Aber bevor ich auch nur dazu kam, ihn vorzuwaschen oder gar zuzuschneiden, entdeckte ich tatsächlich noch ein Didymos Reinleinen in Größe 5 (genau, was ich gesucht hatte!) auf einer Gebrauchtplattform.
Der Preis war für ein vergriffenes Markentuch ok, allerdings immer noch ein ganz schöner Happen, zumal ich ja gerade eigentlich das Leinen gekauft hatte. Ich zögerte also kurz, bis mein Liebster mir anbot, mir eine Hälfte zum Muttertag zu schenken (Das ganze hätte ich übertrieben gefunden).

Noch neu und ungewaschen war das Didymos erwartungsgemäß in etwa so kuschelig wie eine Spanplatte, aber nach einer Runde in Waschmaschine und Trockner (ja: Trockner. Soll man nicht. mach ich auch normalerweise nicht. Kriegt aber auch bockigstes Leinen weich 😉 ) war es weich und trotzdem stabil!

Das Leinen ist ungebleicht, auf der einen Seite schusslastig etwas heller, auf der anderen kettlastig etwas dunkler und im ganzen wunderwunderschön.


Ich habe es noch nicht wirklich in ganzer Klamotte ausprobiert, sondern bisher nur probegebunden, aber sobald ich die Modernen Schilder und MIttelpunkt-Markierer ersetzt habe, werde ich mal einen Tagesausflug nach Düppel machen und die neue Schönheit im praktischen Gerauch testen!

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Baby- und Kinderkleidung fürs Mittelalter

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PROLOG:
*Die innere A-Päpstin macht sich ne Flasche Wein auf und verlässt kopfschüttelnd den Raum*

 

Wer meinem Blog oder meiner Facebookseite schon eine Weile folgt, der weiß, dass es mein erklärtes Ziel ist, mich in meiner Darstellung so nah wie es irgendwie geht an das historische Original anzunähern. Das wird unterstützt und widergespiegelt vom Kitguide meiner Mittelaltergrupe „Die Brandenburgunder“. Bei meiner eigenen Ausrüstung lasse ich kein „Das ist aber bequemer“ oder „Das könnte so gewesen sein“ gelten. Moderne Unterwäsche ist mein einziges Zugeständnis an moderne Standards.

Anders sieht das aus bei der Kleidung und Ausrüstung meines Sohnes (geboren im Januar 2017 und zur Zeit fast anderthalb)
„A ist ein Prozess“ stimmt immer; die Ausrüstung ist nie fertig und eigentlich nie gut genug, aber wenn es um den Drachentöter geht, gestatte ich mir doch ein etwas langsameres Reisetempo auf dem Weg zum großen A.

Wie sollte es denn eigentlich sein?

Unter einem Jahr bzw vor dem Laufalter hätte ich den Kleinen wohl in mehr oder weniger kunstvoll gewickelte Leinentücher und -streifen binden müssen. Dieses „Pucken“ wird zwar heute auch noch/wieder gemacht, allerdings nur kurz, mit weicheren Materialien und unter Berücksichtigung der Kindlichen Physiologie. Der Drachentöter hätte mir was gehustet, wenn ich ihn mit 3 Monaten eingewickelt wie eine Mini-Mumie durchs Museumsdorf geschleppt hätte! 😉

psalter, France 13th century (Aix-en-Provence, Bibliothèque municipale, ms. 15, fol. IXr)

Bible moralisée – Biblia historica-allegorica iconologica Veteris Testamenti cum textu marginali gallico. 2. Viertel 13. Jhdt. (1225-1249) Cod. 2554 Folio 10

Hier musste ich also zum ersten mal Abstriche an der Authentizität machen, um Sicherheit und ein Stück weit Bequemlichkeit in den Vordergrund zu stellen.
Kinder, die schon laufen können (aber auch „Schoßkinder“), tragen auf Abbildungen meist das gleiche wie die Erwachsenen. Einfache Wollkittel, teilweise ohne Gürtel.

Bible, MS M.969 fol. 126r Dieses Bild könnten der Drachentöter und ich glatt nachstellen! 🙂

Kreuzfahrerbibel Fol. 19r

Kreuzfahrerbibel, Fol. 15v (Detail)

Darunter ein Leinenhemd, oftmals auch nur das Hemdchen. Manche tragen Schuhe, oft sind Kinder aber auch barfuß dargestellt

Mein Ansatz war es also, einfach im Alter etwas vorzugreifen und dem Kleinen als Kompromiss Kleidung anzuziehen, die er im 13. Jahrhundert wohl erst angehabt hätte, wenn er etwas älter gewesen wäre.


Die erste Garderobe (Frühling): bequem, praktisch, richtige Materialien, aber ansonsten eher nicht so A 😉

Bei unseren ersten Ausflügen ins Mittelalter war der Drachentöter 3 Monate alt und eher…ambientig als authentisch angezogen:
Ich hatte gebraucht ein Leinenhemd und eine dünne Wolltunika erstanden. Beides Handgenäht und clevererweise als Wickelhemd konzipiert, so dass ich dem Winzling nicht die unelastischen Ärmel vom Kopf her anziehen musste.
So weit ich weiß, gibt es für diese Art Kinderkittel keinerlei Beleg.

Es war immerhin

– aus belegbaren Materialien (Wolle und Leinen)
– handgenäht
– pflanzengefärbt


Allerdings war der Drachentöter für diese Art Kleidung eigentlich zu jung und der Schnitt wie gesagt nicht belegt.
Als zusätzliche wärmende Schicht (es war erst April) hatte ich noch eine Art kleinen Surcot genäht. Dieser ärmellose Kittel hatte eine Cotte werden sollen, aber die Ärmel waren viel zu eng geraten und so habe ich sie einfach entfernt und die Armlöcher vergrößert.


Auf dem Kopf hatte er eine moderne Wolle-Seide-Mütze und drunter einen Wolle-Seide-Body und eine naturfarbene Wollstrumpfhose.
Es stimmten also wieder die Materialien, aber sonst eigentlich nicht viel 😉

 

Zweiter Versuch (Sommer) weniger ist mehr

Als wir im August 2017 auf dem Gelände des Klosters Jerichow zu Hochmittaltertreffen lagerten, war der Drachentöter fast 7 Monate alt und aus den Sachen vom Frühjahr zum großen Teil raus gewachsen.
Ich hatte ein neues Hemdchen aus Leinen genäht und mich dabei am Schnitt des gebraucht gekauften Wickelhemdchens orientiert. Der blaue Surcot passte auch noch, wenn es mal etwas kühler würde. Drunter waren diesmal weiße Baumwollbodys und ggf eine Wollstrumpfhose.
Schon hier fiel auf: weniger ist mehr: je weniger er anhat, umso authentischer ist es eigentlich.

Dritte Variante (Winter) : es gar nicht erst versuchen oder: Das Tarnkäppchen

Die nächste Gelegenheit, zu der ich den Kleinen mit „ins Mittelalter“ genommen habe, waren Besuche im Museumsdorf Düppel im Winter. Aus den Sachen vom Sommer war er zum einen längst rausgewachsen, zum anderen waren sie viel zu luftig für winterliche Temperaturen.
Im Winter 2017/-18 war der Drachentöter noch ein Krabbelkind und da ich nicht vorhatte, ihn auf dem kalten und evtl matschigen Boden viel herumkrabbeln zu lassen, würde er die meiste Zeit ohnehin bei mir im Tragetuch und unter meinem Mantel verbringen und man würde nicht viel von ihm sehen. Ich entschied mich darum dafür, keine neue Kleidung zu nähen (die dann im Sommer, wenn sie wirklich uzm Einsatz käme, wahrscheinlich gar nicht mehr passen würde), sondern ihn ganz bewusst in seinen modernen Wollplüschanzug zu kleiden, dicke nadelgebundene Socken an die Füße zu ziehen und gar nicht erst so zu tun, als trüge er athentische Kleidung.
Eines konnte ich mir jedoch nicht verkneifen:
Eine kleine Gugel aus pflanzengefärbtem Wollstoff. Es gibt ein paar Belege für Kindergugeln.

The Luttrell Psalter, British Library Add MS 42130 (medieval manuscript,1325-1340), f53r

Meist sehen die eher nach Kapuzen aus, aber diese größere Variante hielt ihn schön warm, sah auf Fotos und von weitem immerhin ambientig aus und war -ist ja auch nicht ganz unwichtig- einfach zuckersüß 😉

Der zweite Sommer: das ist schon ganz gut!

In diesem Sommer nun hat sich einiges verändert: aus dem Minibaby wurde ein Krabbelkind und jetzt schon fast ein Laufkind. Man kann ihm auch nicht-dehnbare Ärmel anziehen, ohne Angst zu haben, einen Arm abzureißen und so habe ich mich von dem Konzept „Wickelhemd“ verabschiedet und ein einfaches Leinenhemdchen aus schönem weichem Leinen genäht.
Eine Cotte wollte ich auch noch machen, aber die Zeit drängte und zufällig hatte meine Lieblingsfärberin Manuela von Ovicula eine zu klein gewordene Cotte von ihren Töchtern zu verkaufen.
Also gab es zum Leinenhemdchen eine neue gebrauchte Cotte aus waidblauem Wollstoff. Ein bisschen zu lang ist sie noch (also schön zum rein wachsen), so dass ich auf halber Höhe einen großen Abnäher gemacht habe. Die Ärmel kremple ich einfach hoch.

Drunter ist immer noch ein weißer Body (und natürlich eine moderne Windel) aber das sieht man nicht. Auf Strumpfhose etc. habe ich diesen Sommer bisher verzichten können. Es war bei unseren Tagesausflügen zum Heerbann und zum Ritterfest in Düppel so warm, dass ich ihn irgendwann nur im Hemdchen gelassen habe.
Auf den Kopf sollte er eigentlich eine Bundhaube kriegen. Die erste war zu klein, da musste eine zum Kopftuch gebundene Mullwindel als Sonnenschutz herhalten.

Die zweite Haube passte besser, hatte aber anfangs noch keine Bindebänder (man kommt -wirklich- zu nichts mit einem kleinen Kind im Haus!) So sah es in Düppel noch eher nach „Frau Aantje“ als nach Drachentöter aus. Mittlerweile ist aber auch die Haube bebändselt 😉

Schuhe hat der Drachentöter noch gar keine. Er läuft noch nicht, sondern krabbelt fast ausschließlich. Und als Sohn einer Magd kann er problemlos barfuß bleiben.

Die aktuelle Ausstattung ist also
– handgenäht
– aus den richtigen Materialien
– pflanzengefärbt
– historisch schon deutlich näher an den Abbildungen, die man so findet (wobei da das Alter der Kinder oft schwer einzuschätzen ist)

 

Nicht mehr lange und der kleine Mann trägt Bruche und Beinlinge wie ein großer! 🙂

Das etwas andere Babyhäubchen – Gugel für den Mini-Reenactor

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Hier kommt ein Projekt aus der Kategorie: mit Kindern muss man Kompromisse machen 😉

Auf den Sommerveranstaltungen hat der kleine bisher nur ein Leinenhemdchen getragen, darunter einen weißen Body und eine weiße Strumpfhose. Bundhäubchen dazu und fertig.

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Im Frühjahr hatte er noch ein Wickelhemdchen aus Wollstoff und eine Art kleinen Surcot aus auch Wolle drüber.IMG_20170317_134141_LI
A war das nicht, aber wenn ich es wirklich authentisch hätte machen wollen, hätte ich den damals wenige Monate alten kleinen Kerl in Leinenstreifen und -tücher einbinden müssen und das wollte ich ihm dann doch ersparen 😉
Also habe ich mich für eine ambientige und gänzlich unhistorische Variante entschieden.

Nach dem Hochmittelaltertreffen in Jerichow hatten wir dann kaum noch Veranstaltungen, zu denen ich mitgefahren wäre; die ersten kamen dann erst wieder im Winter:
Das St-Martinsfest im Museumsdorf Düppel und im Dezember ebendort der jährliche Adventsmarkt.
Zu beiden Veranstaltungen wollte ich als gewandeter Tagesgast gehen und damit stand ich vor einem Problem:

Der Lütte hatte nur Sommergewandung und die war auch noch zu klein geworden!
Da ich aber wusste, dass es genau diese zwei Tagesveranstaltungen geben würde, bevor wir in die WInterpause gehen, wollte ich auch keine aufwändige Klamotte schneidern, die erst in einem haleben Jehr wieder zum Einsatz kommt, wenn der kleine Drachentöter schon wieder einen Kopf größer ist 😉

Da er aber eh die meiste Zeit im Tragetuch auf meiner Hüfte sitzen würde und somit ohnehin nicht viel von seiner Kleidung sichtbar wäre, habe ich mich entschlossen, ihn in seinen normalen Wollplüsch-Overall zu stecken und als „Tarnmäntelchen“ eine Gugel zu nähen.

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Die ist schön warm, schützt den Kopf und bedeckt zumindest den Oberkörper, der aus dem Tuch raus schaut. 🙂

Der Schnitt ist von der Skjoldenham-Gugel übernommen. Als Material habe ich Reststücke benutzt: Außen die mega weiche und warme Finkhof-Wolle von meiner Cappa und als Futter einen rest hellblauen feinen Wollköper vom Färbehof, den ich noch rumliegen hatte.

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Beim Martinsfest im November 2017. Die Stricksocken wurden noch durch genadelte ersetzt 😉

Das Ergebnis ist warm, praktisch, nur so semi-historisch und zum niederknien niedlich 🙂

 

Pinata-Steckbrief grünes Schlupfärmelkleid

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Was die Gewandungs-Pinata ist, erfahrt ihr hier

Grünes Schlupfärmelkleid

–> Blogpost
–> mehr Fotos (mit noch teilweise unpassenden Accessoirs)
–> Umarbeitung zum Stillkleid

Material:
Wollköper, chemisch gefärbt. („feine birkengrüne Wolle“ von Naturtuche)

Schnitt: bequemes weites Schlupfärmelkleid. Seitengehren ab Armloch. Knapp bodenlang
Quelle: Schlupfärmelkleider finden sich unter anderem in der Maciejowski-Bibel, im Goslaer Evangeliar, der Bible moralisée und auf Relieffiguren am Straßburger Münster
bekannte Schwächen:
– Der Stoff ist nicht pflanzengefärbt.
– Außerdem gibt es eine Ungenauigkeit bei der Trageweise: Wenn ich die Ärmel ausziehe, stecke ich sie hinten in den Gürtel, damit sie nicht im Weg sind.
Auf allen(!) Abbildungen, die ich kenne, werden die Ärmel aber im Nacken bzw. auf dem Rücken verknotet edit: oder hängen einfach lose über den Rücken. Bei mir hält das nicht, außerdem finde ich es unpraktisch, auf meinem Rücken einen Knoten zu nesteln, wenn ich die Ärmel mit einem Griff hinter den Gürtel stecken könnte. Vielleicht ist der Schnitt doch ein anderer?
– die Öffnung zum Stillen samt den Bändern ist eine Interpretation von mir und so nicht belegbar.

Stillkleidung – nursing dress

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La Régime du Corps, Frankreich ca 1285

Wie ihr vielleicht bei Facebook schon mitbekommen habt, gibt es eine große Neuerung in meinem Leben:

Seit Januar bin ich Mutter eines wunderbaren kleinen Sohnes!
Das stellt nicht nur meinen Alltag und mein „ziviles“ Leben ordentlich auf den Kopf, sondern ich muss mir auch für das Hobby ein paar neue Lösungen einfallen lassen.
Neben Babykleidung und einer Idee zum Tragen (dazu später mehr) war eine der größeren Herausforderungen, meine Gewandung so zu ändern, dass ich den Babyboy stillen kann.

You maybe already heard the good news on facebook or elsewhere: in January I gave birth to a wonderful little boy! That does not only change all of my „civil“ life but I also had to come up with some solutions for the Living History hobby as well. I needed babyclothes and a solution for babywearing and I had to alter my garb so I could breastfeed Babyboy.

Bei der Recherche war ich überrascht, dass es tatsächlich einige Abbildungen von stillenden Frauen gibt. Besonders häufig als Motiv ist die „Maria lactans“, also die Jungfrau Maria, die den kleinen (und manchmal gar nicht mehr sooo kleinen) Jesus stillt.
Außerdem habe ich die eingangs stehende Abbildung gefunden, die wohl zeigt, wie eine adlige Dame die Brust einer Amme prüft.
Viele dieser Abbildungen sehen aus, als hätte die Cotte auf Höhe der Brust senkrechte Schlitze. Ich halte es da aber mit Gabriele Klostermann, die in ihrem Blogartikel zur Stillkleidung schreibt

„Hier ist meine Überlegung, dass es wenig Sinn macht, mitten in eine Stoffbahn zu schneiden.“
http://www.tempora-nostra.de/mode_gewandformen_2_sonstiges.shtml

During research I was surprised to find quite a number of pictures from the middle ages that showed breastfeeding women. A very common motiv is the „Maria Lactans“, the virgin Mary nursing infant Jesus. I also came across the picture on the top of this page showing a noblewoman examining the breast of a potential wetnurse.
A lot of these illuminations seem to show vertical cuts in the dress but I agree with Gabriele Klostermann who writes in an article on nursing clothes:
„To my opinion it makes little sense to cut right into a piece of fabric“
(translation by me)

Recht hat sie und weist direkt danach auf eine Möglichkeit hin, die ich für mich auch schon ins Auge gefasst hatte: das Unterkleid tief zu schlitzen und die ohnehin vorhandenen Ausschnitte der Schlupfärmel zu nutzen.
Tatsächlich gibt es für beides bildliche Belege, die Gabriele auch schon gesammelt hat*:

She has a very good point there and offers a much more practical solution: Open the front of the underdress and use the armholes of a dress with slip-out sleeves.
You can find proof for both alterations. Gabriele collected the following pictures (I copied both pictures and describition from her page)

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geschlitztes Unterkleid, Psalter, Österreich, cod. 1889; fol. 179v; 1295-1300

 

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Notre-Dame, Paris Südquerschiffportal Mitte 13.Jhd

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Elisabeth spendet Almosen, Marburg, um 1250

Den Halsschlitz von meinem Unterkleid hatte ich sowieso schon einmal weiter aufgeschnitten, weil ich im Winter hochschwanger bei einer Veranstaltung war und mit meinen neuen Dimensionen nicht mehr hineingepasst hatte 😉

Diesen Schlitz bis etwa Bauchnabelhöhe habe ich also einfach versäubert.
Einen Verschluss habe ich nicht angebracht, das wäre mir zu viel Gefummel und das relativ feste Leinen bleibt auch so ganz gut am Platz

I had to open my underdress anyway because I was attanding an event last winter while being 9 month pregnant and couldn’t fit into it 😉

So I just neatened this slit. I did not add any fastener,  because I didn’t want to fiddle araund with to many buttons, strings or the like

Halsausschnitt am Unterkleid vorher und nachher.
Underdress neck-opening before and after

 

Die Ärmellöcher an den Schlupfärmeln sind zwar schon recht groß, aber zum Stillen reicht es noch nicht ganz. Darum habe ich die Naht zwischen Vorderteil und Gehre bis zur Taille aufgetrennt. Da die Nahtzugaben zu beiden Seiten der Naht umgefaltet und versäubert sind, konnte ich einfach die Naht auftrennen, ohne hinterher versäubern zu müssen.
Knapp unter dem Ärmel habe ich zwei geflochtene Schnüre aus Wollgarn befestigt, um den großen Schlitz etwas verschließen zu können.

The armholes are quite roomy as they are, but not big enough for nursing. So I unstiched a part of the seam between the front panel and the gore down to the waist. Since I had neatened thes seam by folding it to both sides, I could just undo the seam without having to neaten it again.
Under the arms I added some braided woolen thread to close the rather big slit.

Zum Stillen kann ich jetzt das Unterkleid nach links und die Cotte nach rechts verschieben (oder eben umgekehrt) und fertig 🙂
For nursing I can now move one layer to the right and the other to the left and voila: done 🙂

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Angezogen sieht man davon kaum etwas und das Kleid fällt und wirkt wie man es von Schlupfärmelkleidern kennt:
When closed you hardly see the openings and the dress looks just like any ordinary slip-sleeve dress.

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Die Premiere hatte diese Kombination dieses Wochenende beim Winteraustreiben im Museumsdorf Düppel, wo Babyboy und ich sehr idyllisch im Frühlingssonnenschein auf einer Bank gestillt haben 🙂
Funktioniert wunderbar!
This alterations had their debut this weekend at Düppel open-air museum where Babyboy and I nursed in the wonderful spring sun on a bench under a tree. 🙂
Works like a charm!

*Bilder so wie Bildbeschreibungen habe ich aus dem verlinkten Blogartikel kopiert

 

 

Und was trägt die Handmaid obendrauf so drunter? What’s under the veil?

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…nämlich oben auf dem Kopf unter Schleier und Haube?

In einem Kommentar hat Patricia gefragt, was ich denn unter meinen mittelalterlichen Kopfbedeckungen mit meinen Haaren mache.

Mit dem großen A wird es da natürlich wieder schwierig, denn wenn die Kopfbedeckung ihren Zweck erfüllt, bedeckt sie eben den Kopf und man kann bei den Damen auf der Abbildung/der Statue/… nicht erkennen, was sie „drunter“ trägt.
Später ändert sich das zumindest bedingt, als die Schläfenzöpfe in Mode kommen, die unter dem Schleier vorlugen und links und rechts das Gesicht einrahmen.

Aber fürs 13te bleibt wieder mal nur: gut raten, ausprobieren und weiterforschen 😉
I have been asked what I do with my (rather long) hari underneath my medieval headwear.

It is difficult to say what women of the 13thcentury actually wore theyr hair like. Since it is the purpose of a bonnet, veil or headscarf, to cover the hair, you wont see the hairdo under it on a picture/illumination/statuette…
In later centuries when fashion allows braids to frame the face on either side it is easier to reconstruct the haristyles, but for 13th century th motto remains: make an aducated guess, try around and keep on researching 😉

 1. Variante: Haarnetz
Ziemlich einfach ist es beim Haarnetz: da bleiben die Haare einfach offen. Die Herausforderung ist hier, bei kürzeren Haaren genug Volumen hinzukriegen und bei längerem Haar, die ganze Pracht da rein gestopft zu bekommen.
Damit das Gewicht der Haare das Netz nicht sofort herunter zieht, setze ich es beim Anlegen sehr weit vorne an, beuge den Kopf vor und stopfe die lose zusammengerollten Haare drunter.

Style 1: Hairnet
This is an easy one. No hairdo what so ever, just putting it in the net.
The challange here is to create enough volume, if your hair is short and to tuck all of it into the net if it is long and/or thick.
To prevent my hair’s weight from pulling the net into the nape of my neck, I start with the rim close to the eyebrows, bend my head foreward and tuck all the hair into the net.

Die Zwischenschritte sehen dann gerne mal etwas dämlich aus:
You might end up looking a bit silly mid-process 😉
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Dann binde ich es fest zu und schüttle vorsichtig den Kopf, damit sich die Haare im Netz verteilen. Diese Frisur muss definitiv ein bisschen „reifen“. In den ersten 5-10 Minuten hängt die Haarwulst eventuell noch etwas schief drin, aber das verteilt sich beim Tragen und sieht dann eher so aus:
I then tie the net and gently shake my head to make the hair fall in place. This style needs a moment to settle. In the first few minutes it might be a bit crooked, but usually it will even out after 5-10 minutes und look somewhat like this:
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2. Variante: gebundene Zopfkrone
Das ist die Frisur, die ich eigentlich immer wähle, wenn ich kein Haarnetz trage.
Style number 2: tied-up braids
This is my go-to hairstyle whenever I don’t wear a hairnet.

Vorteile:
– hält prima, kann jederzeit „nachgespannt“ werden
– alle Haare sind aus dem Weg, nichts kann irgendwo rauszipfeln
– wer französisch flechten kann, kann damit ggf auch einen Pony mit aus dem Sichtfeld schaffen.
– kommt ohne moderne Haargummis, Nadeln oder Spangen aus
– bietet eine Basis, an der Schleier etc direkt festgesteckt werden können.
– kann als Nachtfrisur einfach nach hinten gestreift werden, sind dann halt zwei Nachtzöpfe. Am nächsten Tag lassen sie sich wieder aufbinden. Sieht ja keiner, dass sie jetzt etwas zerfranst sind 😉

Pro’s:
– very durable can be easily adjusted
– all hair out of the way. No loose ends
– if you know how to french-braid, this is a good style to hide bangs
– no modern elastics, pins or ties necessary
– builds a base to which veils etc. can be pinned directly
– for the night just slide them off your head to the back and you have two simple braids for the night. The next day just re-tie them. No one will see if the are a bit ruffled under the headdress 😉

Nachteile:
– nicht wirklich belegt. Dreisträhnige einfache Zöpfe waren bekannt, da gibt es viele Bildnachweise, aber diese Konstruktion ist von mir
– erst ab einer gewissen Haarlänge geeignet, dann aber mit längeren Bändern ziemlich an jede Länge anpassbar
– man sollte zumindest englisch, besser noch französisch flechten können 😉

con’s:
– not proven to be period. simple three-strand-braids existed, there is plent of pictures. Put this particular style is made up by me.
– you need a certain minimum in hair-lenghth but then it is easy to adjust to any lenghth only by using longer or shorter ribbons.
– skills needed: braiding with 3 strands, even better if you know how to french braid.

Und so gehts!
(entschuldigt die teils unscharfen Bilder, ich übe noch mit dem Selbstauslöser und wollte nicht alles noch mal machen *seufz*)

Ihr braucht: Kamm/Bürste, zwei Wollbänder, Kordeln oder ähnliches. Länge müsst ihr ausrpobieren, das hängt von eurer Haarlänge ab.
Ich verwende schmale Streifen aus Wollstoff (die abgeschnittene Nahtzugabe von meinem roten Kleid), die sind etwa 1,20m lang.

How it is done!
(sorry for the somewhat blurry pictures. I am not yet friends with the new camera’s self-timer and didn’t want to do it all over again *sigh*)

You will need: comb/brush, two ribbons, cords or the like. The lenghth depends on the lenghth of your hair. You will have to try out what works for you. I use the trimmed seam-allowance from my red dress. It’s aproximately 120cm long.

  1. Haare in der Mitte scheiteln und kämmen oder bürsten
    Part hair in the middle, comb or brush to de-tangle.
    img_7094

2. jede Seite zu einem Zopf flechten (ich flechte französisch, also fast vom Scheitel an.) Nicht ganz bis runter flechten.
Braid each side.  I do a french braid so I start close to the crown of my head.)
Do not braid all the way down.

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3. Das Band doppelt nehmen, um die mittlere Strähne legen und dann zu den Haaren einer der äußeren Strähnen dazunehmen.
Zuende flechten und zuknoten.
Fold the ribbon in half, put around the middle strand and add it to the hair on one of the outer strands.
braid to the end and tie a knot.

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4. Den zweiten Zopf genauso flechten. (Ignoriert die Schleifchen, ich hatte ganz vergessen, dass ich die Bandenden ja zum zuknoten brauche. Löchriges Schwangerschaftshirn 😉  Ihr macht also nur einen normalen Knoten!)
Do the same on the other side. (Please ignore the bows. I forgot that I will need the long ends to tie the braids in the end. Blame it on the pregnancy-/Baby-brain 😉 Just tie a simple knot.
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5. Jetzt gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Die hängen von eurer Haarlänge ab und davon, was bei euch besser sitzt.
Ich kreuze die Zöpfe zuerst im Nacken, dann auf der Stirn und binde sie dann im Nacken zu.
Ihr könnt sie aber auch erst vorne kreuzen und dann hinten binden oder hinten kreuzen und auf der Stirn binden,…was immer für euch funktioniert.
Bei mir sieht es so aus:
The next step depends on the length of your hair and what feels better for you.
I first cross the braids in the nape, thencross them again on the forehead an d tie them in the nape.
You can just as well bring them to the forehead first, cross them there and tie them in the neck or cross in the back and tie on the forehead…try out what works for you.
This is what I do:

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Tadaaa!

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Daran kann jetzt zum Beispiel ein Schleier direkt festgesteckt werden…
You could now pin a vail directly to the braids…

Oder eine Haube, ein Haarsack, Tuch oder sonst was drauf gebunden.
Or wear your bonnet, cap, scarf, you name it,… on top.
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Was tragt ihr im Mittelalter so „oben drunter“? Ich freue mich auf eure Kommentare! 😀
What do you wear „underneath“ on the top? Feel free to leave a comment!

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